Full text: Sozialpolitik im deutschen Südwesten zwischen Tradition und Neuordnung 1945-1953

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lung und überkommene Elemente des französischen Deutschlandbildes trafen bei 
den Besatzungstruppen zusammen. 
Das Ergebnis war in der Regel allerdings das Gegenteil dessen, was solche Program 
matiker sich erhofft hatten: Nicht Achtung vor der Autorität, sondern Furcht vor 
dem Heuschreckenschwarm oder auch Verachtung für einen Sieger, den man als 
solchen schon deshalb nicht ernst nahm, weil er mit sichtlich veraltetem amerikani 
schem Kriegsmaterial einmarschierte. Über die durchaus wesentliche militärische 
Rolle, welche der Resistance bei den Schlußkämpfen in Frankreich 1944/45 in 
einigen Regionen zukam und die auch die Forschung erst in jüngerer Zeit genauer 
herausarbeitet, war man nicht informiert. Solche deutsche Geringschätzung mußte 
die Versuche mancher Militärs nur verstärken, ein Verhalten an den Tag zu legen, 
das sie als das eines Siegers betrachteten. Vielleicht kann ein Literat solche psycholo 
gischen Zusammenhänge besser darstellen als ein Historiker: So etwa, wenn Jean 
Dutourd unter dem Eindruck der Indochina-Niederlage die Offiziere, Generäle und 
Marschälle von 1940 und 1954 karikierte, die ihren Ruhm nicht mehr wie in alten 
Zeiten aus Siegen, sondern aus Niederlagen bezogen, und die Normalbürger, die 
sich als Offiziere plötzlich mit einem Kammerdiener auf Staatskosten versehen 
sahen und daran sichtlich Gefallen fanden. 21 Den politischen Anforderungen ihrer 
Stellungen waren solche Besatzungsangehörige dann nicht immer gewachsen. 
Die Jahre der deutschen Besatzung Frankreichs wirkten jedoch noch in weit kompli 
zierterer Weise nach. Die Vorstellung, seit 1870/71 dreimal von „den Deutschen“ 
überfallen worden zu sein, gehört seit 1940 zur politischen Kultur in Frankreich. 
Zurückreichend bis in die alten Traditionen französischer Sicherheitspolitik an der 
Ostgrenze, verwoben solche Vorstellungen sich nun mit den vielfältigen sozialpsy 
chologischen Verkrampfungen in der Folge von deutscher Besatzung und französi 
scher Kollaboration in Frankreich. Eine offene Auseinandersetzung über die 
Besatzungsproblematik ist in Frankreich nach dem Krieg jahrzehntelang nicht mög 
lich gewesen. Nach den im Verlauf dieser Arbeit gesammelten Erfahrungen ergibt 
sich der Eindruck, daß gerade solche Besatzungsoffiziere, die während der deut 
schen Besatzung in Frankreich auf Seiten der Kollaborationsregierung engagiert 
waren, in der Zone nach 1945 zu einer besonders harten Linie neigten. Damit greift 
die ganze Komplexität französischer Kollaboration auf die Besatzungspolitik über. 
Vereinfacht formuliert, dürfte ein wesentlicher Ansatzpunkt hierfür der Nationalis 
mus weiter Teile der französischen „Kollaboration“ sein. Subjektiv verstanden gera 
de Beamte und Anhänger der Vichy-Regierung sich weithin als die entschlossensten 
Gegner der deutschen Besatzung. Politischer Hintergrund dafür war vielfach eine 
von der nationalistischen französischen Rechten, besonders der Action fran^aise 
geprägte Normen- und Ideenwelt. Gerade solche Beamte wurden 1945 nun, da in 
Frankreich politisch zumindest vorübergehend nicht tragbar, in die Zone entsandt, 
teilweise auf führende Posten. 
11 Jean Dutourd, Les taxis de la Marne, Paris 1956, Taschenbuchausgabe ebd. 1973, bes. 
S. 28 ff. Ähnliches scheint durch in Michel Tourniers Schilderung seiner Tübinger Jahre: Le 
vent Paraclet, S. 89 ff. Zum Deutschlandbild in der französischen Literatur grundlegend: 
MORITA-Cl-kMENT.
	        

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