Full text: Sozialpolitik im deutschen Südwesten zwischen Tradition und Neuordnung 1945-1953

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jedoch selten in Rechnung gestellt. 17 Dabei wirkte sich auch aus, daß den Franzosen 
mit einer anderen Erwartungshaltung begegnet wurde als Briten und Amerikanern: 
In weiten Teilen der Zone, vor allem in Rheinland-Pfalz, wirkten die Erfahrungen 
der Besatzungszeit nach 1918 nach. 18 Dafür war auch die Besatzungsmacht mit 
verantwortlich, wenn sie absurde Anordnungen wie den Befehl, die Tricolore an 
Amtsgebäuden durch Hutabnehmen zu grüßen, nach 1945 wieder aufnahm. Solche 
symbolischen Zwänge blieben in der „kollektiven Erinnerung“ sehr lebendig. Wenn 
ähnliche Besatzungsmaßnahmen in britischer, amerikanischer und französischer 
Zone in der kollektiven Erinnerung gelegentlich unterschiedlichen Stellenwert ha 
ben, so liegt ein Teil der Erklärung dafür in dieser nicht vergleichbaren Ausgangs 
situation. 
Kriminelle Übergriffe und Racheakte für selbst erlittene Unbill waren aber nur eine 
Erklärung für die Ausgangslage. Auf der anderen Seite kam jetzt auch das Deutsch 
landbild zur Wirkung, mit dem Hitler weite Teile des französischen Bürgertums in 
den dreißiger Jahren beeindruckt hatte: die Vorstellung von dem autoritätshörigen, 
disziplinierten Deutschen, dem aber nur hartes Auftreten imponiere. Die rauschen 
den Feste, die der erste Oberbefehlshaber de Lattre de Tassigny auf deutsche Kosten 
am Bodensee veranstaltete, waren in dieser Hinsicht nicht Verschwendung, sondern 
Programm. 19 Auf einer anderen Ebene wirkten die gleichen Vorstellungen sich aus 
bei Wissenschaftlern, die an der Ausbildung des Besatzungspersonals beteiligt wa 
ren, wenn etwa der renommierte Nationalökonom Andre Piettre die sozialen Folgen 
der Demontagen mit der Charakterisierung des deutschen Arbeiters für unerheblich 
erklärte: „Befehl ist Befehl!“* 0 Als der Verfasser 1983 Claude Hettier de Boislambert 
besuchte, prangten in der Ausstellung vor dem Büro, in dem er als Grand Chancelier 
honoraire de l Ordre de la Liberation im Palais des Invalides residierte, lange Auszüge 
aus de Gaulles früher Schrift von 1932, Le filde l’epee.-sie enthielten die Passagen, in 
denen de Gaulle die erforderlichen — autoritären — Charaktereigenschaften eines 
chef eines Führers darstellte. Hier liegen Schlüssel für das Verständnis der Besat 
zungszeit: Boislambert hatte seit 1940 zu de Gaulles engsten Mitarbeitern in der 
Resistance gehört, und in Frankreich nannte man diesen für manche Neuordnungs 
ansätze direkt verantwortlichen Offizier später den Roi de Rhenanie-Palatinat. Gaul 
listische Autoritätsvorstellungen, Wirkungen nationalsozialistischer Selbstdarstel- 
Vg!. Henke, Politik der Widersprüche, S. 55. 
Auf diesen Faktor wies den Verf. u. a. Professor D. Balthasar Fischer hin, der, selbst aus der 
Eifel stammend, als junger Theologe an dem Tag nach Trier kam, als die Franzosen dort 
einmarschierten. 
Siehe dazu u. a. Willis, The French, S. 74 ff. Den Eindruck auf die Bevölkerung im 
Zusammenhang mit den auch in Lindau zahlreichen Übergriffen der Besatzung schilderte 
dem Verf. u. a. Käthe Seifried, 1946-1951 badische KP-Abgeordnete (Freiburg, 29. 8. 1983), 
die den Lindauer Ortskommandanten mit resoluter Bestimmtheit zu scharfem Durchgrei 
fen bei Übergriffen gegen Frauen zwang. 
10 Piettre, L’economie allemande. Piettre war Direktor des Straßburger Centre d’Etudes 
germaniques, an das Besatzungsoffiziere häufig zur Weiterbildung abgeordnet wurden; die 
Wirkungen dieses Instituts für die Besatzungspolitik sind bislang nicht untersucht. Zu 
ähnlichen Vorstellungen unter französischen Deutschland-Spezialisten wie Edmond Ver 
meil oder Wladimir d’Ormesson s. auch Köhler, Das Ende Preußens, S. 38 ff.
	        

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