Full text: Sozialpolitik im deutschen Südwesten zwischen Tradition und Neuordnung 1945-1953

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vor dem völligen Zusammenbruch zu bewahren oder, wo es nicht mehr funktionier 
te, wieder in Gang zu setzen. Dabei entstanden bereits unmittelbar nach der Über 
nahme der vollen Kontrolle in der Zone durch die Franzosen erste Pläne zu grundle 
genden Reformen im Sozialleistungssystem, die zunächst noch neben kurzfristigen 
Stabilisierungsversuchen herliefen und sich teilweise mit ihnen verwoben. Die 
Ad-hoc-Maßnahmen des Sommers 1945 waren anfangs nach Regionen sehr ver 
schieden. Örtliche Arbeitsoffiziere bemühten sich rasch, entsprechend den Pariser 
AMFA-Richtlinien wenigstens auf lokaler Ebene rudimentäre Sozialleistungen auf 
rechtzuerhalten. 
In der Krankenversicherung verfügten viele Ortskrankenkassen noch über Gel 
der oder vermochten Leistungen aus eingehenden Beiträgen direkt zu finanzieren, 
zumal die über die Ortskrankenkassen eingezogenen Rentenversicherungsbeiträge 
mangels Transfermöglichkeiten nicht an die zuständigen Stellen überwiesen werden 
konnten. Ausreichend war dies allerdings nicht. Da z. B. in Baden die Ausgaben im 
Herbst 1945 die Einnahmen um etwa ein Drittel überstiegen, 15 konnten nur die 
Leistungen für die Pflichtversicherten regulär gewährt werden, während die auf 
Staatszuschüsse angewiesenen Zweige für Kriegshinterbliebene, Rentner und Fami 
lien der Kriegsgefangenen ihre Leistungen reduzierten, allerdings bei freiwilliger 
Weiterversicherung volle Leistungen anboten. 16 * Unterbrochen war die Tätigkeit der 
Krankenkassen in den meisten Gegenden, insbesondere in Baden, gar nicht oder nur 
wenige Tage. 11 Allerdings hatten die zuständigen Offiziere, in ihrem jeweiligen Ab 
schnitt ohnehin anfänglich auf sich allein gestellt und fast ohne Ausrüstung für ihre 
Arbeit, 18 kaum einen Überblick, wie weit das System tatsächlich funktionierte. Die 
deutschen Stellen taten zudem gelegentlich das ihre, die Offiziere im Unklaren zu 
lassen und z. B. noch vorhandene Gelder zu verstecken, um Zahlungen auch bei 
unklarer Rechtslage leisten zu können. An manchen Orten waren die Unterlagen und 
teilweise auch die Gebäude zerstört, 19 so daß dort auch die Krankenversicherungen 
zunächst ausfielen. Während die Situation der Ortskrankenkassen sich immerhin 
allmählich wieder normalisierte, häuften sich zugleich die Meldungen über Schwie 
15 Detaillierte Angaben, auch zu einzelnen Kassen, in den Monatsberichten des badischen 
Arbeitsoffiziers, Sept. 1945—Febr. 1946 (AdO Colmar Bade 2402), und der Direction du 
Travail, Sept. 1945 (ebd. Cab. Koenig C. 74/SA-Ih). 
16 Karl Kuttruff (Direktor der AOK Baden-Baden), Die Krankenversicherung im Zeichen 
neuer Entwicklung, in: Badener Tagblatt, Ende Sept. 1945, undatierte Abschrift in VdO Lahr 
Altregistratur Az. 103. In einem anderen, etwa Anfang September ebd. erschienenen Artikel 
wird das Bemühen der Militärregierung um die Sicherung der Finanzen der Krankenkassen 
ausdrücklich betont; Abschrift ebd. 
VBO-Rundschreiben 1/1946 und 3/1946; VdO Lahr Altreg. 
18 Wie Anm. 14. 
Mitteilung von August Wolters. In Mainz, wo ein Drittel des Personals der AOK bei Flieger 
angriffen umgekommen war, bat die AOK noch 1947 per Rundschreiben um Überlassung 
von Fachliteratur und Büromaschinen; VdO Rundschreiben 2/1947 und 12/1946. Zu Frei 
burg s. VBO-Rundschreiben 1/1946 und detaillierte Schilderung des Leiters der AOK Frei 
burg, 22. 5. 1946, in VdO Lahr Altreg. Az. 103.
	        
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