Full text: Sozialpolitik im deutschen Südwesten zwischen Tradition und Neuordnung 1945-1953

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der Entwicklungen in der Südwestecke unbekannt oder nur ansatzweise erforscht 
sind. In vielfältiger Form trifft die Forschung auf ähnliche Probleme, wie sie die 
Verwaltungen der französischen Zone in der Gründungsphase der Bundesrepublik 
zu überwinden hatten. Die Isolierungspolitik der französischen Besatzungsmacht 
und die strukturelle Schwäche der kleinen Länder des Südwestens hatten dazu 
geführt, daß wesentliche politische Weichenstellungen in den beiden anderen West 
zonen zu einer Zeit erfolgten, als die französische Zone noch weitgehend die Rolle 
eines Zaungastes spielen mußte, und auch die Schlüsselposten in der Bürokratie des 
neuen Staates waren schon weitgehend verteilt, als die Verwaltungen des Südwestens 
ihrerseits eine Chance zur Beteiligung erhielten. Obwohl, wie an Beispielen zu zeigen 
sein wird, die französische Zone manchen nach 1949 in der Bundesrepublik erfolg 
ten Entwicklungen um einige Jahre voraus war, ist dies daher kaum mehr zur 
Kenntnis genommen worden. Der gegenwärtige Forschungsstand über die französi 
sche Zone stellt ein kompliziertes Geflecht dar aus bekannten Tatsachen, subjekti 
ven Eindrücken der Zeitgenossen, allgemeinen Mentalitätsentwicklungen im Nach 
kriegsdeutschland, Problemen der Quellenlage, Schwierigkeiten der Interpretation 
und Lücken im Wissenstand. Es ist nicht auszuschließen, daß auch für manche 
Entwicklungen in der französischen Zone in einiger Zeit ein Fazit zu ziehen sein 
wird, wie es Heinrich August Winkler formulierte, als die amerikanischen und 
britischen Archive einige Jahre lang hatten ausgewertet werden können: es erweise 
„sich vieles als Legende, was in der bisherigen Literaturals unumstößliche Wahrheit 
betrachtet wurde“. 5 
Der Forschungsstand ist bislang im wesentlichen beherrscht von denjenigen Teilas 
pekten der französischen Besatzungspolitik, welche auch die kollektive Erinnerung 
vorrangig charakterisieren: harte Sicherheits- und Reparationspolitik der Pariser 
Zentrale, Obstruktionspolitik gegen die deutsche Einheit, wirtschaftliche Verwal 
tung der Zone als „Ausbeutungskolonie“, 6 7 schikanöse und tyrannische Kontrolle der 
deutschen Verwaltung, herrisches und häufig rechtswidriges Verhalten der Besat 
zungstruppen. Allerdings wurden solche Aspekte französischer Besatzungspraxis 
nicht, wie es bislang weithin scheint, nur von deutscher Seite bekämpft, sondern auf 
allen politischen Ebenen auch innerhalb des Besatzungsapparates — im einzelnen 
oft mit einigem Erfolg. So hat Claude Hettier de Boislambert, der selbst oft autoritär 
auftretende Gouverneur von Rheinland-Pfalz, im Mai 1948 in einer sarkastischen 
Gesamtanalyse, die in der Drohung mit seinem Rücktritt gipfelte, die politischen 
Folgen mancher Praktiken intern prägnant und weitsichtig zusammengefaßtMan 
braucht die moralischen Wirkungen gar nicht breit auszumalen, welche die Belastung 
der Wirtschaft und der individuellen Ernährungslage durch die Besatzung auf die Bevöl 
kerung hat; selbstverständlich neigt sie dazu, die Folgen zu übertreiben und offensichtli 
che Mißbräuche wie die unverhältnismäßig große Zahl von Franzosen in der Zone und 
5 Heinrich-August Winkler, Vorbemerkung zu: ders. (Hg.), Politische Weichenstellungen, 
hier S. 8. 
4 So Eschenburg, Jahre der Besatzung, S. 96. 
7 Politique d’Occupation franfaise dans le Land Rheno-Palatin, Memorandum von Gouverneur 
Hettier de Boislambert, 25 S. mit 16 Anlagen, 4. 5. 1948; Privatarchiv Hettier de Boislam 
bert.
	        

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