Full text: Sozialpolitik im deutschen Südwesten zwischen Tradition und Neuordnung 1945-1953

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wende 1945/46, nach den Londoner und Washingtoner Verhandlungen, eine leichte 
Entspannung abzeichnete, begann die Ost-West-Auseinandersetzung um die Repa 
rationen den Zentralverwaltungskomplex zu überlagern und ließ die Wirtschaftsein 
heit schließlich ohnehin scheitern. 
In der Forschung wurde bislang wenig beachtet, daß erste Widerstände gegen Zen 
tralverwaltungen in der praktischen Kontrollratsarbeit nicht von den Franzosen, 
sondern den Sowjets ausgingen. Bereits Anfang September 1945 hatten diese, offen 
sichtlich im Hinblick auf die in der SBZ angelaufene Bodenreform, die Einrichtung 
einer deutschen Zentralverwaltung für Landwirtschaft und Ernährung abgelehnt. 64 
Die Franzosen folgten am 22. September mit ihrem Vorschlag, für die kriegswichti 
gen Eisenbahnen statt einer deutschen Zentralverwaltung regional organisierte, un 
abhängige Bahnen mit einer lediglich der Koordinierung dienenden Zentrale einzu 
richten. Zugleich akzeptierte Frankreich eine zentrale Organisation der ein geringe 
res war potential repräsentierenden Nachrichtenverbindungen und der Post sowie 
ein zentrales Statistisches Amt, das aber strictly controlled werden müsse. 65 Sofort zu 
Beginn der Veto-Politik wurde damit die im August angekündigte Unterscheidung 
von französischer Seite praktiziert: kein grundsätzliches Veto gegen die Wirtschafts 
einheit und zentrale Verwaltungen, aber gegen deutsche zentrale Verwaltungsbefug 
nisse und gegen politisch oder sicherheitspolitisch relevante Präjudizierungen. 
Den amerikanischen Berichten zufolge ging Clay auf die hier angelegten Kompro 
mißvorschläge nicht ein, sondern bezeichnete den in der Folge auch in den anderen 
Zentralverwaltungsfragen vertretenen Standpunkt ohne weitere gemeinsame Prü 
fung als nicht durchführbar: if Control Commission can not establish central machi- 
nery, it can not govern Germany, 66 
Nach dem Abbruch der Londoner Konferenz versteifte sich die französische 
Haltung insofern, als nunmehr unter den oben genannten Argumenten das von 
de Gaulle betonte Junktim der Zentralverwaltungen mit der Abtrennung von Ruhr 
gebiet und Rheinland immer schärfer in den Vordergrund trat. Am 1. Oktober 1945 
gab General Koenig im Kontrollrat seine berühmt gewordene Erklärung ab, er sei zu 
keinerlei Maßnahmen autorisiert, welche die Zukunft des rheinland-westfälischen 
Gebietes präjudizierten, solange über die französischen Memoranden von August/ 
September nicht auf Regierungsebene entschieden sei; die geplanten Zentralverwal- * 69 
Im Ernährungs- und Landwirtschaftsausschuß des Kontrollrats; Murphy an Byrnes, 11. 9. 
1945, FRUS 1945 Bd. 3, S. 868 f. 
Murphy an Byrnes, 23. 9. 1945, über Koordinationskomitee am 22. 9., sowie CORC/P (45) 
69, 19.9. 1945, in FRUS 1945 Bd. 3, S. 871 ff., und CONL/P(45)42,28. 9. 1945,ebd.,S. 841 f. 
Französische Darstellung in Bulletin d’activite du CCFA, Sept. 1945, S. 20. Vgl. Clay an War 
Department, 24. 9. 1945; Clay Papers, Bd. 1, S. 84, und Clay, Entscheidung, S. 128 ff. Als 
Beispiel für die Interpretation solcher französischer Vorschläge vgl, Bäcker, Die deutschen 
Jahre, S. 109: „Noch energischer widersetzte sich Koeltz dem britisch-amerikanisch-sowjeti 
schen Plan, eine zentrale Transportbehörde einzusetzen.“ — Zur Transportagentur s. Be 
schluß des Comite interministeriel am 25. 9. 1945 (Document No. 19), in dem u. a. auf die 
Resistance-Erfahrung mit der Eisenbahn-Sabotage gegen die deutsche Besatzung während 
des Krieges verwiesen wurde; AN F 60/3034/2. 
Murphy ebd. Vgl. dazu auch Bäcker, Die deutschen Jahre, S. 108 ff.
	        

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