Full text: Sozialpolitik im deutschen Südwesten zwischen Tradition und Neuordnung 1945-1953

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auf den ersten Blick besonders eindrucksvoll, sind bei genauerer Untersuchung 
daher nicht ganz so aussagekräftig. Sie bestätigen, daß die Nachkriegsbevölkerung 
auf parallele Versorgungsmöglichkeiten zurückgegriffen haben muß, aber sie bestä 
tigen nicht, daß dies in dem gelegentlich vermuteten großen Umfang geschah. 
Wenngleich die Details hier nur kursorisch angedeutet werden konnten, fügen sich, 
sofern man die zahlreichen methodischen Probleme einbezieht, die verfügbaren 
quantitativen und qualitativen Informationen aus den verschiedenen Quellen zu 
einem zwar quantitativ nicht ganz präzisen, doch für die Trendzwecke der vorliegen 
den Arbeit ausreichenden und in seinen einzelnen Teilen im wesentlichen überein 
stimmenden Gesamtbild. Unter der Fragestellung der vorliegenden Arbeit ergeben 
sich daraus Folgerungen für die sozialen, sozialpolitischen und politischen 
Wirkungen des gleichgewichtslosen Versorgungssystems. 
Sozialgeschichtlich gesehen, waren die individuellen Unterschiede in der Ernäh 
rungssituation der Bevölkerung, wie beschrieben, groß, und Teile der Bevölkerung 
sind von der Krise kaum tangiert worden. Insgesamt dürfte das Ausmaß des von 
Normalverbrauchern aus parallelen Quellen erworbenen Ernährungsanteils von 
rund 20 - 30% im Jahre 1945/46 auf rund 10 - 15% in den Jahren 1947/48 gesunken 
sein und für die in diesem Versorgungsgeflecht besonders benachteiligten Gruppen 
gelegentlich sogar noch darunter gelegen haben. Umgekehrt bedeutet dies jedoch: 
Zu offiziellen Bedingungen und gegen Reichsmarkliquidität hat die Bevölkerung, 
wiederum global gesehen, in den Jahren 1945 - 1948 bei steigender Tendenz schät 
zungsweise 70 - 90% ihrer tatsächlichen Ernährung gedeckt, soweit sie als Selbst 
oder Teilselbstversorger der Probleme nicht ohnehin weitgehend enthoben war , 45 
Durch die Literatur geistert das oft zitierte Beispiel der 9,56 RM, zu denen man sich 
angeblich zu offiziellen Preisen die Nahrungsrationen für einen Monat beschaffen 
konnte. 46 Woher dieses Beispiel ursprünglich stammt, war nicht zu klären; mit 
Sicherheit ist es aber zumindest in so verallgemeinerter Form falsch, auch wenn in 
einer extrem niedrigen Versorgungssituation gelegentlich vielleicht so wenig Waren 
zur Verfügung standen. 
Tatsächlich hat das Bewirtschaftungssystem den Mangel zwar nicht bewältigen kön 
nen - intern haben die zuständigen Fachleute auf deutscher wie französischer Seite 
dies auch unermüdlich betont -, aber es hat den weitaus größten Teil dieser Bewälti 
gung übernommen, soweit sie überhaupt gelungen ist. Wäre das Bewirtschaftungs 
system weniger scharf durchgeführt worden, so hätten Ersparnisse und Löhne noch 
weiter an Wert verloren, da dann ein noch größerer Teil der Lebensmittel zu 
Schwarzmarktbedingungen hätte erworben werden müssen; das zumindest teilweise 
Funktionieren des Bewirtschaftungssystems hat insofern auch dazu beigetragen, daß 
die Schwarzmarktpreise nicht ins Uferlose stiegen, sondern insgesamt auf einem im 
Im Frühjahr 1946 klagten französische Bewirtschaftungsoffiziere in Baden z. B. darüber, daß 
Bauern ihre Lebensmittelkarten nicht abholten und damit das Rationierungssystem durch 
einanderbrächten. - Die hier vorgelegten .Ergebnisse bestätigen insofern auch die in der 
Bizone damals getroffene Feststellung: der größte Teil der Bevölkerung blieb auf die Kalorien 
angewiesen, die auf die Lebensmittelkarten zugeteilt wurden; Schlange-Schöningen, S. 142. 
16 So Samuelson, Le Mark, S. 179.
	        
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