Full text: Sozialpolitik im deutschen Südwesten zwischen Tradition und Neuordnung 1945-1953

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auch nach unterschiedlichen Bedarfsskalen. 11 Der Schlüssel zu dem sich in unserem 
Zusammenhang stellenden Problem liegt aber vermutlich darin, daß sich der Grund 
umsatz und damit das Existenzminimum in länger dauernden Hungerperioden lau 
fend verringert. Das bedeutet, daß die deutsche Bevölkerung auch überlebt hat, 
wenn sie jahrelang nicht das in den verschiedenen Bedarfsskalen geschätzte Norm- 
Existenzminimum erhielt - ein Phänomen, das in der „Dritten“ und „Vierten“ Welt 
gegenwärtig vielfach zu beobachten ist. Demnach hat die tatsächlich erhaltene Zu 
satzversorgung auf den parallelen Märkten nicht die zur Deckung des „offiziellen“ 
Existenzminimums erforderliche Menge erreicht. Der Widerspruch zwischen den 
genannten Schätzungen und den aus den badischen Schwarzmarktberichten gewon 
nenen Ergebnissen wäre auf diese Weise zu erklären. 
Das Max-Planck-Institut für Arbeitsphysiologie in Dortmund hat den Prozeß der 
deutschen Unterernährung für die Jahre 1942 bis 1947 genauer zu fassen versucht.“ 
Es ging zunächst von der Schätzung aus, daß als Existenzminimum unter Normalbe 
dingungen für Männer eine Grundkalorienmenge von 1 345 Kalorien ausreicht, zu 
denen Mindestwerte für einen minimalen Freizeit- und Arbeitsbedarf, Verdauung 
und Bewegung zu rechnen sind; damit werden als Brutto-Mindestbedarf für Männer 
1 670 Kalorien angesetzt, für Frauen 1 465 Kalorien, als Gesamtdurchschnitt ein 
„Erhaltungsminimum“ von rund 1 530 Kalorien. Dieses unter Normalbedingungen 
anzunehmende Erhaltungsminimum ist nach dem Krieg in Deutschland für den 
Normalverbraucher jedoch, und dies ist hier wesentlich, offensichtlich weder offi 
ziell noch tatsächlich erreicht worden. 
Ein Indiz und Gradmesser dafür sind Arbeitsproduktivität und Gewichtsabnahme 
der Bevölkerung. Teilweise wird Nahrungsmitteldefizit durch Einschmelzung von 
Körpersubstanz ausgeglichen, was sich u. a. in Gewichtsabnahme und bei Kindern 
und Jugendlichen auch in Wachstumsdefizit niederschlägt. Für Gewichtsreduzierun 
gen nahmen die Dortmunder an, daß ein Kaloriendefizit von 100 Kalorien pro Tag 
zu einem durchschnittlichen Gewichtsverlust von 500 g im Monat führt. Da der 
durchschnittliche Gewichtsverlust in Deutschland nach den Dortmunder Beobach 
tungen unter dem nach der Ernährungslage zu erwartenden Ausmaß lag, muß Ener 
gieeinsparung durch Verminderung von Bewegung und Tätigkeit als zweiter Faktor 
eine wesentliche Rolle gespielt haben. Das Max-Planck-Institut kam zu der Annah 
me, daß in den Jahren 1942-1947 rund 60% des Kaloriendefizits durch Minderung 
der Bewegung ausgeglichen wurde und rund 40% durch Gewichtsabnahme. Sowohl 
11 Vgl. Jung, Lohn, Ernährung, Leistung, zum Vergleich amerikanischer und europäischer 
Bedarfsskalen. Zur methodischen Problematik aufgrund der in Rheinland-Pfalz nach dem 
Krieg gewonnenen Erfahrungen umfassend die auch von Rothenberger herangezogene Ha 
bilitationsschrift von Arnold, Hunger, bes. S. 206 ff. 
“ Lehmann, Energetik. Vgl. dazu auch Arbeitsblatt 1 (1949), S. 147. Die Ergebnisse des Insti 
tuts hinsichtlich der Entwicklung der Körpergewichte der Dortmunder Arbeiterschaft sind 
zusammengefaßt bei Krautu. Bramsel, mit Vergleichsmaterialien aus den Untersuchungen 
anderer Institute. Zum allgemeineren Zusammenhang der Problematik siehe auch das aus 
den Institutsarbeiten hervorgegangene Handbuch von Günther Lehmann, Praktische Ar 
beitsphysiologie, zum Zusammenhang von Arbeit und Energieumsatz bes. S. 119 ff., zur 
Emährungsproblematik S. 365 ff.
	        
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