Title:
Sozialpolitik im deutschen Südwesten zwischen Tradition und Neuordnung 1945-1953
Creator:
Hudemann, Rainer
Work URN:
urn:nbn:de:bsz:291-sulbdigital-460664
PURL:
https://digital.sulb.uni-saarland.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:bsz:291-sulbdigital-461823
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Dabei wurden vielfach auch Kinder losgeschickt, sei es, weil die Eltern nicht ab 
kömmlich waren, sei es, weil Kinder größeres Mitleid zu erwecken vermochten. 14 
Ökonomisch von den Hamster- und Bettelzügen zu unterscheiden ist das, was man 
als private Ringtauschorganisation im Rahmen der Naturaltauschwirtschaft be 
zeichnen könnte: Die sich oft über Hunderte von Kilometern erstreckenden Fahrten 
von Privatpersonen, die in anderen Zonen gegen ein paar Flaschen Wein oder 
ähnliche, dort schwerer zu erhaltende Waren Mangelprodukte eintauschten und 
diese zu Hause ihrerseits gegen Lebensmittel umsetzten. In großem Stil haben diese 
Fahrten sich offenbar auch im Herbst und Winter 1946 entwickelt, als das Eisen 
bahnwesen wieder halbwegs funktionierte, die Durchlässigkeit der Zonengrenzen 
größer und mit Gründung der Bizone die Reisemöglichkeiten innerhalb der briti 
schen und amerikanischen Zone besser geworden waren. Walter Eucken hat dieses 
Tauschsystem und die gesamtwirtschaftlich sinnlose Verschwendung von Arbeits 
kraft durch die weiten Reisen bei meist geringstem, wenngleich für den einzelnen 
wertvollem Ertrag sarkastisch kritisiert.” Die Tausch- und Hamsterzüge erhielten, 
nach den vorrangig transportierten Waren, im Volksmund rasch ihre eigenen Be 
zeichnungen, so der Vitaminzug von Dortmund nach Freiburg, der Heringszug von 
Frankfurt nach Bremen oder der Äppelexpreß von der Pfalz zum Bodensee, mit dem 
vor allem Schuhe, Textilien und Wertsachen in der einen, Äpfel und Kartoffeln in 
der anderen Richtung reisten. Ob man die Grenzkontrollen und Razzien unbehelligt 
überstand, war Glücksache, und das Risiko konnte erheblich sein. Angesichts der 
allgemeinen Notlage und der Unfähigkeit der Behörden, hier Abhilfe zu leisten, 
machten Strafandrohungen und exemplarische Bestrafungen aber wenig Eindruck. 74 * * * 78 
Dieser private Kompensationshandel konnte vor allem infolge der erheblichen re 
gionalen Angebots- und Wertunterschiede funktionieren, die demjenigen, 
der die Mühen und Risiken der Fahrt auf sich nahm, einen gewissen Gewinn sicher 
ten. Die schwierige materielle Situation im Südwesten hat sich, soweit dies aus den 
hier herangezogenen Daten und Berichten deutlich wird, durch diesen „Handel“ 
aber eher noch verschlechtert, und zwar infolge des durchschnittlich niedrigeren 
Preisniveaus in der französischen Zone. Schwarz- und Tauschmarkt griffen hier 
teilweise ineinander. Im Vergleich zur britischen und amerikanischen Zone hat der 
Preisstop im Südwesten in den Nachkriegsjahren besser funktioniert - teils, weil die 
französische Militärregierung auf die Flut von Anträgen auf Erhöhung der amt 
lichen Preise zögernder und restriktiver reagierte als Briten und Amerikaner, teils 
74 Vgl. dazu auch Rothenberger, Hungerjahre, S. 126 ff., der Hamster- und Bettel wesen le 
bendig schildert. 
77 Eucken, Deutschland, S. 137-139. Vgl. auch Röpke, Die deutsche Frage, 1 1948, S. 296, und 
Stolper, Die deutsche Wirklichkeit, S. 119; Beispiele bei Rothenberger, ebd. S. 129 f. 
78 Vgl. dazu beispielsweise den badischen Schwarzmarktbericht für Februar 1947: Alle Schich 
ten der Bevölkerung sehen sich in Anbetracht der Lebensmittelnot gezwungen, im Schwarz- oder 
Tauschhandel zusätzlich Lebensmittel beizuschaffen. Diejenigen, die nur von den normal zuge 
teilten Lebensmitteln leben und die Folgen des ständigen Hungerns bei sich und ihren Kindern 
feststellen müssen, können unter Hinweis auf ihr volkswirtschaftsschädliches Verhalten weder 
durch Anordnungen noch durch Strafen von der Lebensmittelbeschaffung im Wege des Schwarz- 
und Tauschhandels zurückgehalten werden.
        

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