Full text: Augsburger Schultheater unter Sixt Birck

83 
Augenblick der großen Wendung läßt Bircks bereits erwähnte 
Aeußerung im Lactantius-Commentar erkennen, die das wichtig¬ 
ste Zeugnis für'die Beurteilung des Spiels und des Publikums 
darstellt. Lactanz lehnt jegliches Theater wegen seiner ver¬ 
derblichen Wirkung ab, und Birck fügt hinzu: ,,-Mque nescio 
qui fiat, quod ne in nostris dramatibus quicquam salvum at¬ 
que sacrum satis sit. Multo siquidem applausui excipitur, 
cum senes Susannam se lavaturam et iam crura sandalibus 
induentem speculantur, quam quando ad supplicium accessura 
pignoribus valedicit; cum Judith Holopherni libidinosis ge¬ 
stibus blanditur, quam cum cilicio induta preces ad Dominum 
fundit; cum Sara suam marito ancillam permittit, quam cum 
de filii sacrificio solicitais pater ad Deum orat; cum Poti- 
phari coniunx Josephum de stupro solicitât, quam cum Jacob 
annonae penuria premitur. Usque adeo sunt oculi rebus 
vanis,, quam seriis spectandis promptiores“180. 
Dieser Vorwurf soll ein Publikum treffen, das — 
weit davon entfernt, der biblischen Schulkomödie das 
gleiche Interesse entgegenzubringen, das es für das geistliche 
Spiel stets bereit hatte — vom Theater nichts anderes will, 
als die eindeutigen Derbheiten des Fastnachtsspieles. So muß 
man Bircks Klage zunächst auffassen, und so mag ihm selbst 
unter dem Eindruck der ablehnenden Haltung des Lactanz die 
Sache erschienen sein. Schaltet man aber dann einmal den 
moralisch-pädagogischen Standpunkt ganz aus, so ergibt sich 
aus der Gegenüberstellung von Beispiel und Gegenbeispiel ein 
wesentlich anderes Bild, die Antithese: optisch faßbares Spiel — 
Monolog. Alan kann also die Forderung des Zuschauers 
auch in dieser Richtung deuten: er will Sichtbares, Darstellung, 
theatralische Aktion statt langer lateinischer Reden von päda¬ 
gogischem Gehalt. Daß Birck und die anderen Dramatiker in 
der Praxis die Publikumsforderung nach „Theater" oder 
wenigstens nach Ausgleich zwischen beiden Bestandteilen der 
„Schul-Komödie" als berechtigt anerkannten, beweist der Auf¬ 
bau ihrer Dramen, die einen ziemlich ausgeglichenen Wechsel 
zwischen Sprech- und Handlungsszenen zeigen. Die pädago¬ 
gischen Tendenzen sind in eine Spielform gekleidet, die auch 
dem lateinunkundigen Zuschauer181 die Möglichkeit gibt, die 
180. Lactantius VI, 22. 
181. Für die Aufführung aller Dramen ist die Einführung deutscher 
Arguniente anzunehmen. In einzelnen Fällen weist der lateinische Lext 
darauf hin, z. B. Susanna (45) „ . . . Tu planius populo dicas germa- 
nice!“ — De v. nob. (Epilog): „.. recita tu illis lingua patria.“
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.