Full text: Augsburger Schultheater unter Sixt Birck

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dieser Szene sämtliche Personen des ganzen Stückes auf der 
Bühne stehen. Wenn man auch nicht an eine streng markierte 
Zweiteilung zu denken braucht, so ist doch die Gliederung der 
Bühne in zwei Abschnitte unverkennbar. 
Zu dieser erschlossenen Doppelbühne der vier Gerichtsakte 
ist die Bühne des !. Aktes in Beziehung zu setzen. Bildet 
der ,,Garten" einen selbständigen dritten Teil der Bühne, oder 
fällt er mit einem der beiden anderen Bühnenabschnitte zu¬ 
sammen? Die Frage löst sich von selbst, wenn man eine 
einheitliche Raum- und Bühnenvorstellung des Dramatikers 
annimmt: es erscheint undenkbar, daß die Hälfte einer Bühne, 
die vier Akte lang Markt und Straße darstellt, sich für die 
Dauer des einen Aktes in den Garten verwandeln sollte. 
Diese gefühlsmäßige Entscheidung läßt sich aus dem Text 
beweisen: die Stelle des späteren Marktplatzes kann der Garten 
darum nicht einnehmen, weil sich auf diesem Markt die Sitz¬ 
reihen für die Richter, der „hemicyclus“, befinden. Daß 
diese während der Dauer des I. Aktes im Garten gestanden 
hätten oder nach dem Aktschluß hereingebracht worden wären, 
kann ohne zwingende Gründe ebensowenig angenommen werden 
wie die Vorstellung, Brunnen und Baum — zwei deutlich 
markierte Punkte — blieben am Platz der Gerichtsverhandlung 
stehen. Zumal der Baum, über dessen Art die Angeklagten 
abweichende Aussagen machen, darf ja unter keiner Bedingung 
in der Gerichtsszene sichtbar sein. Garten und Markt können 
sich nicht an der gleichen Stelle befunden haben. Und auch 
das Zusammenfallen des zweiten Bühnenabschnittes ,,Straße" 
mit dem Garten ist nicht möglich: am Schluß des I. Aktes 
geht Susanna ins Haus ab, und zu Beginn des II. Aktes kommt 
Achab aus seinem Haus heraus. Fielen die Bühnenabschnitte 
,,Garten" und ,.Straße" zusammen, so müßte also Achab 
jetzt aus seinem eigenen Haus heraus in Susannas Garten 
treten, wenn er nicht sogar aus Susannas Tür herauskäme. 
Da es sich — wie aus den bisherigen Ergebnissen feststeht — 
nicht um eine reine Neutralbühne handelt, bedeutet das eine 
ebenso starke Durchbrechung der Illusion wie das Vorhandensein 
der Richtersitze im Garten und kann darum nicht angenommen 
werden. 
Es ergibt sich also wirklich, daß der Garten ein selbständiger 
dritter Bühnenabschnitt ist. Seine Lage läßt sich vermuten, 
wenn man die späteren Gänge der Hausbewohner zum Markt 
(Il/2, IV/2) und der Gerichtsdiener zum Haus (II/5) in 
Betracht zieht: die Straße stellt die Verbindung zwischen 
Garten und Marktplatz her. Wenn man analog zum Garten
	        
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