Full text: Zur Entwicklung und Bedeutung des deutschen Meistergesangs im 15. und 16. Jahrhundert

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hat die geistliche Dichtung bis zum Jahr 1536 die Oberhand: 
dies ist die Zeit der Vibelparaphrase. Nach der Nusschöpfung 
dieses Stoffvorrats beginnt das vorwiegen der weltlichen Meister¬ 
dichtung (1536 - 1552, mit einer geringfügigen Schwankung 1540); 
in diesen Jahren werden auch die beiden episch gefärbten Töne 
erfunden, die jetzt wachsende Bedeutung gewinnen: die Spruch¬ 
weise (1538) und der Nosenton (1541). Im Jahr 1548 erreicht 
die Schaffenskraft des Dichters, speziell im Meistergesänge, den 
Höhepunkt, von 1553 tritt die geistliche Lyrik wieder in den 
Vordergrund, aber zugleich überschreiten die Spruchdichtungen zum 
ersten Mal die Zahl 50. Die vorwiegend weltliche Spruchdichtung 
löst die weltliche Meisterdichtung ab und erreicht 1562 und 1563 
die höchsten Zahlen. Das letzte Lied ist vom 8. Dezember 1567, 
der letzte Spruch vom 15. Mai 1573 (vgl. hierzu die statistische 
Uebersicht am Schlüsse dieses Kapitels). 
Nutzer in 272 Meistertönen hat Hans Sachs in 29 hofweisen') 
gedichtet, von denen 16 oder 17 seine eigene Erfindung sind. 
Die Lieder dieser Nrt gehören zu seinen besten und ansprechendsten 
Gedichten, lvenn Sachs die hofweisen nicht ausgiebiger benutzt 
hat, obwohl sie ihm gestattet hätten, sich mit ihnen nicht nur 
an die Nürnberger Handwerker, sondern an das ganze Volk 
seiner Vaterstadt und darüber hinaus zu wenden, so liegt dies 
eben daran, datz auch Sachs das aristokratische Selbstbewutztsein 
der Meistersinger teilte, mit dem sie sich über die gemeinen volks¬ 
dichter erhoben, datz auch er zu sehr in den Nnschauungen der 
Schule befangen war, um eine häufigere Loslösung von ihr oder 
gar eine ernsthafte Kritik an ihrer Kunst als Bedürfnis zu em¬ 
pfinden. Ivo dem Dichter an einer allgemeineren Verbreitung 
seiner lyrischen Erzeugnisse lag, blieb ihm zudem stets der Nus¬ 
weg offen, seine Lieder in Sprüche umzuwandeln. 
') Daß die dem Volksliede verwandten Fj o f t ö n e von den Meister¬ 
weisen grundsätzlich zu unterscheiden sind, folgt sowohl daraus, daß sie in 
den Verzeichnissen der Meistertöne nicht aufgezählt werden, wie auch aus 
ihrem Vau selber: er ist fast überall einfacher als der Bau der Mehrzahl der 
Meisterstrophen; er hat zuweilen die volksliedartige Wiederholung des 
letzten Wortes der Strophe mit „ja"; er ist vor allem in manchen Fällen 
nicht dreiteilig, sondern zweiteilig wie die Strophe des Volksliedes; die 
veimbildung ist etwa aabb oder aabccb oder aabxb oder auch 
ababcdcd (wobei die beiden Strophenhälften genKu gleich gebaut sind).
	        

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