Full text: Zur Entwicklung und Bedeutung des deutschen Meistergesangs im 15. und 16. Jahrhundert

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gedruckt ist, beschränkt sich, abgesehen von dem ersten Bande 
seiner von Goedeke und Tittmann ausgewählten Werke, auf die 
paar Lände schwankhafter Meistergesänge, die Goetze und Drescher 
seit 1893 herausgegeben haben. Die stoffliche Einseitigkeit die¬ 
ser Auswahl läßt uns freilich keinen zutreffenden Gesamteindruck 
von der Meisterdichtung Sachsens gewinnen.— 
Hans Sachs, der zwar das Größte nicht als Meistersinger 
geleistet hat, wurzelt dennoch innerlich ganz und gar in Meister¬ 
sang und Meisterschule. Seiner ganzen Natur nach in der Mitte 
zwischen Schule und Volk stehend, fühlte er sich verpflichtet, seine 
in ernstem Studium oder durch gelegentliche Lektüre erworbenen 
Kenntnisse der Mitwelt zu vermitteln, d. h. in erster Linie den 
Zchulgenossen, in zweiter den breiten Dolksmassen. Sein Ziel 
wie das Ziel des gesamten Meistergesanges war proclesse et 
äelectare: religiöse Erbauung, didaktische Förderung, und Be¬ 
lustigung. Der Eharakter seiner Dichtung als Zweckdichtung ist, 
zusammen mit seiner Neigung, die Muse zu kommandieren, da¬ 
für verantwortlich, daß ihre erträglichen Erzeugnisse unter einem 
Wust von minderwertigem und totem Material fast verschwinden. 
Das liegt weiter aber auch an der Wahllosigkeit, mit der er 
seine Stoffe bearbeitete. Er hat den größten Teil seiner Lektüre 
in Verse gebracht: die Bibel, den Boccaccio, Üsop, Livius, plutarch, 
Josephus, den nordischen Historiker Ulbert Krantz, Volksbücher 
und Schwankgedichte. Lernte er ein neues Buch kennen, das 
ihm zusagte, so fertigte er zuweilen an einem Tage drei oder 
vier Gedichte über den eben gelesenen Stoff an; und hatte er, 
seiner meistersingerischen Pflicht eingedenk, zunächst ein Lied ge¬ 
dichtet, so mochte er doch auch weiteren Kreisen die Früchte seiner 
Lektüre nicht vorenthalten, und er nahm die Umdichtung in Neim- 
paare vorh. Das geschah nicht immer ganz mechanisch; beider 
„Wittenbergischen Nachtigall" hat er z. B. das Spruchgedicht auf 
Uurnb. Theaters i. 16. Iht., vierteljahrsschr. f. Lit. gefch. Vd. Z. Weimar 1890, 
5. 43 ff.; Michels. 6nz. f. d. 61t. Bd. 18 (1842) S. 354; S t i e f e l. Ztfchr. 
d. ver. f. Volkskunde, Bd. 10, Bin. 1400, S. 74 f.; ffampe, Ueb. ff. S.' 
Traumgedichte, Ztfchr. f. d. d. Unterricht Bd. 10, Lpz. 1840, 5. 616 ff.; Göt¬ 
tinger ffandfchrift; Berliner ffandfchrift. 
') Derartiger Doppelbearbeitungen zähle ich 455: von diesen ist bei 
821 die Liedfassung, bei 55 die Spruchfassung die ältere; bei 74 liegen beide 
bearbeitungen vom gleichen Datum vor und hier ist das Lied stets in einer 
der reimpaar-ähnlichen Strophenformen abgefaßt.
	        

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