Full text: Zur Entwicklung und Bedeutung des deutschen Meistergesangs im 15. und 16. Jahrhundert

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den Vvid, Dergiln, Iosephus, Erasmus und, als erster Deutscher, die 
3lias ziemlich fehlerfrei in die heimischen Knittelverse übertrug, 
hat als Meistersinger zwar keinen eigenen Ton erfunden, 
die von ihm benutzten fremden aber nicht wahllos angewendet, 
sondern eine Beziehung zwischen seinem Stoff und dem Namen 
des Tones einzuhalten gesucht,- er zeichnet sich vor seinen Zeit¬ 
genossen durch sprachliche Glätte und Gewandtheit aus; fast jeder 
Vers ist bei ihm eine Sinneseinheit, von ihm sind einige Schwänke 
und eine Schulkunst gedruckt. Die Schwankliteratur dieser Zeit 
zeigt zum Teil humanistische Einflüsse^), vernachlässigt aber daneben 
auch nicht die einheimische Überlieferung: Hans Weidner be¬ 
arbeitet die Sage der Weiber von Weinsberg^), andre Lieder 
zeigen Verwandschaft mit der grobianischen Literatur8), wieder 
andre versifizieren Teile der Haustsageh. — Die Ausbreitung 
und reiche Tätigkeit der Meistersinger zu dieser Zeit wird uns 
u. a. durch das Bestehen von Meisterschulen in Mähren bezeugt?) 
Am erfreulichsten wirken die anspruchslosen kurzen Schwank¬ 
gedichte wie Daniel Holzmanns Lied von dem Ehezwist, der 
durch die Namen von Meistertönen humoristisch charakterisiert 
wird8), oder das Stoßgebet des Voglers, das sich in seltsamer 
Mischung aus den Bitten des Vaterunsers und derben Flüchen 
zusammensetzt), oder einige Gedichte Hans Deisingers, der um 
die Wende des 16. und 17. Jahrhunderts lebte8). 
h z. B. Georg vanbeckhs Lied, Montanus, Nnh. Nr. 15, oder das 
folgende Lied. 
2) ebenda Nr. 30. 
s) ebenda Itr. 27 (üon Iochem Glockenthon), Nr. II. 
\ Zwei Lieder Friedrich Beers, Euphorion Bd. 1, 5. 787 f; Bd. 6, 
5. 679 ff., abgedruckt von Holte. 
s) Ndolf Ritter von wolfskron, Beitr. z. Gefch. d. Nlstrgfgs. i. 
Mähren: Schriften der mähr.-schles. Ges. d. Ackerbaus etc., 7. heft, Brünn 
1854, 5. 43-54. 
e) 1)artmann a. a. (D. Beilage Br. 6. In seiner Schulkunst (Jonas, 
Ztschr. d. hist. Ges. f. d. prov. Posen, 2. Zahrg. 1886 S. 20 ff.) zeigt sich holz- 
mann als Plagiator an Hans Sachs, vgl. dessen Gedicht bei tvackernagel 
Bd. 2 Nr. 1405. Line Bibelparaphrase Holzmanns in der Berliner Hs. 
S. 164 f. 
7) Festschr. z. h. Sachs-Feier, Weimar 1894 S. 65 f., abgedr. v. Bolte. 
") Montanus Nnh.Nr.29; weim. Festschr. 5.62.65; besonders 
bemerkenswert die Wendung in dem Gedicht über Luther, wo der Teufel, 
nicht Luther, das Tintenfaß an die wand wirft.
	        

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