Full text: Zur Entwicklung und Bedeutung des deutschen Meistergesangs im 15. und 16. Jahrhundert

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Keineswegs an legendenhaften Zusätzen (über Engel und Teufel, 
über das holz, aus dem das Kreuz Thrisli gefertigt wurde, u. a.). 
viele der religiös-didaktischen Gedichte, die oft hymnenartig an¬ 
muten, sind von echter lyrischer Begeisterung getragen und preisen 
Gott Vater, Lohn und heiligen Geist als die Geber aller Güter 
und die Lrleuchter des dichterischen Genius. Rndre rufen Gott 
und Maria um Beistand gegen die Listen des Bösen an; andre 
sind rein belehrend und teils mit allegorischem Schmucke versehen, 
teils einfach darstellend oder mahnend. 
wollten wir den lvert der dichterischen Persönlichkeit Beheims 
auf eine kurze Formel bringen, so ließe sich sagen, daß die Un¬ 
zulänglichkeit seiner Kunst aus dem Unvermögen fließt, wichtiges 
und Unwichtiges, poetisches und poesiewidriges zu unterscheiden, 
daß ihm jedes Empfinden für die Notwendigkeit eines organischen 
Verhältnisses zwischen innerer und äußerer Form mangelt, so daß 
er keinen Unstotz nahm, religiöse und didaktische Gegenstände in 
lyrischen Strophen zu behandeln, deren Verse, etwa in der güldenen 
weise, nur ganz wenige Silben enthielten, oder in denen gar, 
wie in der hohen güldenen weise, jede einzige Silbe reimte, hier 
hört jeder Ernst der Kunstübung auf, und fadeste Künstelei und 
Spielerei tritt an ihre Stelle. 
Gleichwohl beobachten wir bei demselben Dichter eine kunst¬ 
technische Erscheinung, die auf eine gewisse instinktive Einschätzung 
des formell Uichtigen zurückgeht und der wir noch öfter begegnen 
werden: in einem fast rein beschreibenden Gedicht über eine Uord- 
landsreise (Büsching Ur. lO) gebraucht Beheim eine Strophen¬ 
form, die dem epischen Reimpaar außerordentlich nahe kommt: 
xaab; b c c d; d e e f f g; die nächste Strophe beginnt mit g h h i. 
praktisch betrachtet sind das Ueimpare, nur der erste Vers des 
ersten Bars ist eine Waise; auch der Binnenreim als Verbindung 
von Uuf- und Ubgefang beeinträchtigt den epischen Eharakter 
des Gefüges kaum. Und etwas sehr Ähnliches finden wir in 
seinem „Buch von den wienern", dessen strophische Gliederung 
sich von dem Reimpaar nur insofern unterscheidet, als in ihm der 
Wechsel von dreifüßigen weiblichen und viersüßigen männlichen 
Versen fest geregelt erscheint. Rndrerseits gesteht der Dichter 
seine formelle Unsicherheit in der Vorbemerkung zu seinem Epos 
zu: „Dises sagt von den wienern vnd stet das man es lesen
	        

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