Full text: Zur Entwicklung und Bedeutung des deutschen Meistergesangs im 15. und 16. Jahrhundert

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tigkeit der töett brandmarkt, tritt seine oft zynische Lebensver¬ 
achtung besonders scharf hervor,- hier erscheinen alle Weiber als 
erpresserische huren, und der Wolf, der Rffe, der Löwe in der 
Eselshaut müssen zur Kennzeichnung des menschlichen Charakters 
dienen. Von der Menschenliebe und dem befreienden Humor, die 
die stofflich verwandten Gedichte Hans Sachsens erfüllen, findet 
sich bei Beheim keine Spur. 
von der religiösen Lyrik Beheims erregen die Vibelparaphrasen 
das größte geschichtliche Interesse (s. 0.). Sie berühren sich in allen 
wesentlichen Zügen mit denen des 16. Jahrhunderts, so in der 
sorgfältigen (Quellenangabe, dem engen Rnschluß an den Text, in 
der moralischen Schlußbetrachtung und derRusdeutung alttestament- 
licher Dinge im christlichen Sinne. Und auch Beheim hat wie 
Hans Sachs viele heilige Geschichten mehrmals paraphrasiert, ohne 
sich jedoch in einer späteren Bearbeitung wörtlich an die frühere 
anzuschließen; vielmehr hat auch er stets wieder den Text heran¬ 
gezogen, d. h. die Vulgata, die er, im Unterschiede zu den pro¬ 
testantischen Meistern späterer Zeit, erst ins Deutsche übersetzen 
mußte, wie er selbst einmal in einer Bearbeitung der Schöpfungs¬ 
geschichte angibt. Zur eine Benutzung vorlutherischer Bibelüber¬ 
setzungen findet sich bei Beheim kein Rnhaltspunkt. 
Rus dem Riten Testament sind vor allem die Urgeschichte 
und die mosaischen zehn Gebote behandelt. Die Hauptmasse der 
Paraphrasen betrifft aber die Erzählungen des Neuen Testaments; 
besonders die Uindheitsgeschichte Jesu, und die wichtigsten Gleich¬ 
nisse werden wieder und wieder in Verse gebracht. Einmal wird 
sogar, wiederum in der Rrt der späteren lutherischen Meistersinger, 
die ganze Lebensgeschichte Iesu systematisch in einem Zyklus von 
zwanzig Liedern durchgearbeitet. 
In einigen Zällen ist der Text durch lange auslegende Be¬ 
trachtungen unterbrochen, die teils banale Erklärungen, teils aus¬ 
malende Zusätze, teils allegorische Deutungen enthalten und zuweilen 
vier-und sechsmal so umfangreich sind wieder erläuterte Text selbst. 
Eine andre Gruppe bilden die dogmatischen und die religiös¬ 
didaktischen Lieder. Jene haben die bekannten Spitzfindigkeiten 
zum Gegenstände, mit denen die Scholastik den Zustand Gottes 
vor der Schaffung der Welt, das Problem der Dreieinigkeit, die 
Jungfräulichkeit Mariä u. a. aufzuklären suchte. Dabei fehlt es
	        

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