Full text: Zur Entwicklung und Bedeutung des deutschen Meistergesangs im 15. und 16. Jahrhundert

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immerhin noch recht umfangreiche Speculum universale des Vincenz 
von Veauvais, das vom 13. bis zum Ende des 16. Jahrhunderts 
ein vielgebrauchtes Buch des allgemeinen Wissens war, welches 
nicht nur auf Dante, sondern, wenn auch meist wohl nur indirekt 
durch Auszüge und Bearbeitungen, ebenso auf die Meistersinger 
entscheidenden Einfluß gewann. Erst sehr allmählich wurde die 
aristotelisch-scholastische Bildung, die in solchen Werken nieder« 
gelegt war und die selbst Hans Lachs noch sichtlich beeinflußt 
hath, durch die humanistisch-protestantische Wissenschaft zurück¬ 
gedrängt"). 
Buch mit der jeweils vorherschenden Kirche hat der Meister¬ 
gesang stets in innigem Zusammenhange gestanden, wenn einige 
Forscher behauptet Habens, die Meistersinger seien heimliche Ketzer 
gewesen, so geht diese Annahme auf einseitige Auslegung einiger 
schlecht verbürgter Nachrichten zurück, vor allem einer Ztelle des 
29. Liedes der Llara hätzlerin, wo es heißt, daß der Augsburger 
Lingschule präsidiere, „wer übel redt von pfaffen"h. Ln Wirk¬ 
lichkeit sind Opposition und Intrigue niemals Lache des Meister¬ 
gesangs gewesen. Leiner Natur entsprach es vielmehr, die Dinge 
an sich herantreten zu lassen und erst nach genauer Prüfung des 
Zür und Wider eine Entscheidung zu treffen. Nur so erklärt 
sich die Ztellung der Meistersinger und ihres Führers Hans Sachs 
') nicht nur in den theologischen Gedichten der ersten Periode, sondern 
ebenso in profanwissenschaftlicher Beziehung, z. B. in den Gedichten, die 
die NO Flüsse Deutschlands, die 100 Nrten Tiere, die 124 Fische und Meer¬ 
wunder oder Gegenstände des täglichen Lebens aufzählen. Dgl. auch 
Schnorr a. a. G. S. 43 ff., Nr. 3. 
2) R. v. Liliencron, Üb. d. Inhalt d. allg. Bildg. i. d. 3t. d. Scho¬ 
lastik, Festrede, München 1876. 
3) Ludw. Keller, Die Kultgesellschaften der dtschn. Mstrsgr.. Monats¬ 
hefte d. Tomenius-Ges. Bd. II (1902) S. 274 fp S chweitzer, Etüde sur 
la vie. . de H. Sachs, Paris 1887, S. 198. 
4) Liederbuch der Tiara ffätzlerin, Hrsg. v. Paltaus, (Quedlinburg 
u. Lpz. 1840. Doch muß der polemische Charakter des Liedes in Betracht 
gezogen werden, der sich aus dem 3usammenhang ergibt, in den es bei 
Liliencron, Dolkslieder Bd. 1 S. 41b, Nr. 90 gesetzt ist: es ist eine Ent¬ 
gegnung auf das Nl»est'sche Gedicht „Nugsburger Singschule" (Lil. Nr. 89), 
das einen Nngriff der Städte auf Fürsten und Geistlichkeit enthält — cs 
handelt sich um den Markgrafenkrieg —, und Nr. 90 ist ein Nngriff der 
Gegenpartei auf die Städte.
	        

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