Full text : Der Marpinger Prozess vor dem Zuchtpolizeigericht in Saarbrücken

65  —

Auf  Anregung  der  Vertheidigung  muß  sich  Zeugin  auch
noch  ausdrücklich  dahin  aussprechen:  „Sie  habe  aus  dem  Kopsschüttelu
den  Schluß  gezogen,  die  Kinder  hätten  der  Kunz  keinen  Glauben
geschenkt."
Zeugin  erklärt  ferner,  die  Mutter  Kunz  habe  die  Tochter  in
der  Anstalt  besucht  und  ebenso  ein  Mann  aus  Marpingen,  dessen  Namen
sie  nicht  wisse.  Jene  habe  zu  dem  Kinde  gesagt,  resp.  von  unten  gerufenr
„Sage  aus,  wie  du  immer  gesagt  hast."
Präs.:  „Also  sie  hat  nicht  etwa  gesagt,  „„sage  die  Wahrheit!""
sondern:  „„Sage,  wie  Du  immer  gesagt  hast.""  Es  ist  dies  wichtig."
Zeugin  erklärt,  auch  jener  Mann  habe  ihr  das  zugerufen.  Dasweitere
  Verhör  ergibt:  nachdem  die  Kunz  am  12.  Dez.  1876  aus  der  Anstalt
  entlassen  worden,  wurde  durch  Emma  Walter  ein  Zettel  in  ihrem
Bette  gefunden.  Der  Zettel,  den  das  Kind  wahrscheinlich  hatte  an  seine
Eltern  senden  wollen,  lautet:  „Ich  habe  lange  nach  Ihnen  verlangt.
Kommen  Sie  Dienstag  oder  Mittwoch  nach  Saarbrücken.  Seien  Sie
so  gut  und  schreiben  mir,  wie  es  in  Marpingen  zugeht.  Grüßen  Sie
auch  meinen  Bruder  rc.  Ich  habe  auch  Heimweh  nach  dem  kleinen
Babettchen.  Wenn  ich  au  Sie  und  den  Herrn  Pastor  gedacht  habe,,
so  muß  ich  weinen.  Nun  sind  Sie  so  gut  und  kommen  die  Woche,  denn
ich  habe  ein  solches  Verlangen  nach  Ihnen  rc."  —  Noch  ein  weiterer  Zettel
wurde  bei  dieser  Gelegenheit  gesunden.  Derselbe  ist  undeutlich;  der
Präsident  hat  ihn  durch  die  Loupe  gelesen,  und  er  lautet:  „Liebes
Grethchen,  wenn  Du  vor  Gericht.-kommst,  so  sage  nur  Alles,  was  du
sonst  gesagt  hast."  Es  war  nicht  zu  ermitteln,  wer  diese  Zeilen  'geschrieben
  habe,  und  wie  sie  in  Besitz  des  Kindes  gelaugt  seien.
Bachem:  „Bezüglich  der  angeblichen  theatralischen  Ausstellung  der
Kinder  habe  ich  zu  bemerken,  daß,  wenn  das  Theatralische  in  der  gleichen'
Kleidung  gefunden  wird,  diese  Kleidung,  eine  sogenannte  Uniform,  in
den  klösterlichen  Erziehungsanstalten  (die  Kinder  befinden  sich  zu  Echternach
  in  einem  Kloster)  üblich  ist.  Die  Große  stand  in  der  Mitte;  vielleicht
  wäre  das  angeblich  Theatralische  auch  gefunden  worden,  wenn
diese  an  der  Seite  gestanden  hätte;  wir  hätten  dann  gradatiou  descendante
  oder  ascendante  gehabt.  Sogar  die  .Saarbrücker  Ztg/  konstatirt
übrigens,  daß  die  Kinder  einen  günstigen  Eindruck  machten."
Präs:  „Es  kann  ja  Zufall  sein;  es  war  eine  gewisse  hübsche  Stellung."'
Bachem:  „Ich  möchte  an  die  Zeugin  die  Frage  gestellt  sehen,  ob-
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.