Full text: Der Marpinger Prozess vor dem Zuchtpolizeigericht in Saarbrücken

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daß mithin nicht angenommen werden kann, daß zu gleicher Zeit 
mehrere Menschen genau dasselbe Bild der Täuschung und na¬ 
mentlich so oft wiederholt haben können, daß aber außerdem ein 
nach Stunden genau vorhergesagtes Wiedereintreten einer Erscheinung dem 
Charakter der Hallucinationen durchaus widerspricht, daß demnach nur 
die Alternative übrig bleibt, daß die Kinder entweder wirklich wunder- 
bare Erscheinungen gehabt, oder daß es sich lediglich um eine durch die 
Kinder hervorgerufene Täuschung handelt, daß schon der Gegenstand und 
Inhalt der von den Kindern behaupteten Erscheinungen au sich unab- 
weislich zu dein letzteren Schlüsse führen müssen; 
daß nämlich, wenn man auch nach christlich religiöser Anschauung 
Wunder, d. h. Thatsachen, Erscheinungen, Begebenheiten, welche nicht 
durch die Naturgesetze ihre Erklärung finden können, sondern lediglich 
aus den Alles vermögenden Willen Gottes zurückzuführen und seiner 
unmittelbaren Wirksamkeit zuzuschreiben sind, annehmen will, doch die¬ 
selben stets dein Wesen der Gottheit entsprechen müssen, niemals aber 
die Würde Gottes verletzend erscheinen dürfen ; daß nun schon die wäh¬ 
rend eines langen Zeitraumes, zuweilen fast täglich wiederholten und 
bis in die Nacht hinein danernden Erscheinungen Maria's uub des 
Jesuskindes, bei welchen außer den gewöhnlichsten Fragen und Ant,vorteil 
und der Mahnung, fromm zu seiir und viel zu beten, durchaus nichts 
das sittlich religiöse Gefühl des Menschen Erhebendes vorgekommen ist, 
in der vorerwähnten Beziehung höchst bedenklich erscheinen; 
daß dies iil noch weit höherem Maaße mit den bloßen Wieder¬ 
holungen aus den Geheimnissen der Menschwerdung und des Lebens 
Christi, wie z. B. Mariä Verkündigung u. s. w., der Fall ist; 
daß aber die Teufelserscheinungeu, bei welchen Maria unb dem 
Christuskinde eine durchaus lächerliche, empörende Rolle zugetheilt wird, 
der menschlichen Vernunft, unserem sittlichen und ästhetischen Gefühle 
geradezu Hohn sprechen, und endlich die von dem Friedensrichter Gartzen 
bekundete Erscheinung des heiligen Geistes nach Lehre des Christenthums 
vollends eine Blasphemie darstellt; 
in Erwägung, daß abgesehen von diesen, aus den angeblichen Er¬ 
scheinungeil selbst hergeleiteten Beweisen gegen das Wunder imb für den 
Wunders chwindel noch allßerdem die schlagendsten Beweise einer durch 
die fraglichen Kinder bewirkten Täuschung in den Verhandlungen her¬ 
vorgetreten sind; 
daß zunächst nach Angabe der j tzt 8jährigen Anna Meißberger, 
eines seinem Alter entsprechend entwickelten Kindes von günstigem Ein¬ 
drucke, Zeugin am 3. Juli 1876 mit den Kiildern Kunz, Leist und Hu¬ 
bertus zugleich im Härtelwalde war, ohne auch nur das Miildeste von 
einer wunderbaren Erscheinung zu sehen; 
daß die Erklärung der Kunz und Genossen, „sie sähen die Mucker¬ 
gottes, während Andere dieselbe nicht sähen, weil sie unschuldige Kinder 
seien", doch auch auf die Meißberger Anwendung finden müßte und da¬ 
her incht abzusehen ist» warum dieses von seinem Vater als eben so
	        

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