Full text: Der Marpinger Prozess vor dem Zuchtpolizeigericht in Saarbrücken

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darf ich wohl mit Rücksicht auf Vorgänge im preußischen Abgeordneteu- 
hause hier einfügen, daß nach meiner Ueberzeugung bei Berücksichtigung 
aller Umstände dem Hrn. Oberprokurator aus einem mehrerwähnten 
Atteste kein Vorwurf gemacht werden kann, derselbe vielmehr loyal ge¬ 
handelt hat uns nicht anders handeln konnte. Der Geheim-Polizist v. 
Meerscheidt-Hüllessem bediente sich, wie gleichfalls notorisch ist, als seines 
Werkzeuges hauptsächlich eines eben entlassenen Zuchthäuslers, den er 
ein Mal sogar betrunken machte. Als Irländer führte er aufhetzende 
Reden gegen Polizei und Gendarmen. Am 8. Oktober bereits, nachdem 
cr vielleicht kaum noch die Sprache der Bevölkerung halte zur Genüge 
verstehen lernen, schrieb der Berliner Kriminal-Kommissar einen Gene¬ 
ral-Leumunds bericht über die Marpinger, in welcher er dieselben als 
Anterwühlt, franzosenfreundlich, servil und verlogen bis ju dem Grade 
bezeichnete, daß dieselben auch aus einem Meineide kaum etwas sich ma¬ 
chen würden. Eine solche maßlose Beschimpfung einer ganzen Bevölke¬ 
rung richtet sich selbst und den Beamten, welcher so etwas in einem 
amtlichen Berichte niederzulegen sich nicht scheute. Da man indeß viel¬ 
leicht sagen könnte, in etwa habe doch der Bericht des Hrn. v. Hüllessem 
hinsichtlich der Wahrheitsliebe der Marpinger durch Vorgänge, welche 
im Laufe der Verhandlungen hier gespielt, eine gewisse Bestätigung ge¬ 
funden, so muß ich auch darüber ein Wort sagen. Es ist ja richtig, 
daß einzelne Zeugen aus Marpingen, welche bei ihrer frühern 
Vernehmung Dinge nicht zu wissen erklärten oder unbestimmt 
sich äußerten, hier ein Mehreres aussagten und bestimmtere An¬ 
gaben machten, und es ist darauf hin eine Zeugin wegen Verdachts 
des Meineides verhaftet worden. Aber zur richtigen Beurthei¬ 
lung derartiger Vorkommnisse muß man sich vergegenwärtigen, unter 
welchen Umständen die ersten Vernehmungen stattgefunden haben. Die 
Militär-Exekution war über Marpingen verhängt worden, der polizei¬ 
liche Belagerungszustand dauerte fort; eine förmliche Panik hatte sich 
der Einwohner bemächtigt. Jeder, der vernommen wurde, betrachtete 
sich gewissermaßen als Beschuldigten, und obwohl die Leute sich 
keiner Schuld bewußt waren, mußten sie doch in den an sich harmlose« 
sten Dingen Verfängliches wittern und sich durch ihre Aussagen zukam« 
promittiren und Schlimmem auszusetzen glauben, wenn sie sahen, wo¬ 
rauf hin denn von der Behörde inquirirt wurde. Ich bin der Ansicht, 
daß es bei dieser Sachlage richtiger gewesen wäre, überhaupt nur in-
	        

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