Full text: Der Marpinger Prozess vor dem Zuchtpolizeigericht in Saarbrücken

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bereits erwähnt. Ebenso urtheilt der Zeuge Professor Scherben, der sich, 
längere Z.'it in Marpingen aufgehalten und gleich wie der Zeuge Ne-- 
inele die Kinder in der verschiedensten Weise auf die Probe gestellt hat ^ 
dieselben erschienen ihm natürlich und unbefangen. Die größten Schau¬ 
spieler der Welt, bemerkte der Zeuge, würden sich nicht io haben ver¬ 
stellen köimen, wie die Kinder sich verstellt hätten, wenn sie nicht 
wirklich das gesehen, was sie zu sehen behaupteten. Kein Zeuge — 
auch nicht die Vorsteherin des Mariannen-Jnstituts — hat sagen 
können, das; sie die Kinder in sonst irgend einem Punkte unglaub¬ 
würdig gesunden habe. Es ist mir Bedürfnis, zu erklären, daß 
die Kinder auch auf meinen Herrn Kollegen Simons und mich, 
die mir uns als kritische, an kontradiktorisches Verfahren gewohnte Leute 
lange mit jedem Einzelnen unterhalten haben, den günstigsten Eindruck 
machten. Die gestern vom Hrn. Ober-Prokurator angeführten Momente 
für die Nnglaubwürdigkeil der Kinder vor dem ersten partiellen Wider¬ 
ruf zerfallen bei näherer Prüfung vollständig. Insbesondere weiß ich 
nicht, was man mit der Deposition des Gendarmen machen will, welcher 
die Kinder in den ersten Monaten auf der Aeußerung ertappt zu haben 
erklärte: „Wir sagen es nicht mehr, die Leute glauben es doch nicht."' 
Die Kinder konnten mit einer solchen Aeußerung, bezüglich deren uns 
der Zusammenhang fehlt, doch nur meinen: Wir sagen es nicht mehr 
den Beamten, den Gendarmen, überhaupt den Zweiflern g genüber; 
wir sind es müde, es diesen gegenüber zu wiederholen. Im Uebrigen 
glaubten ja die Marpinger mit sehr vereinzelten Ausnahmen sämmtlich 
an die Sache; sie konnten also unter .den Leuten" unmöglich verstan¬ 
den sein. 
Zur weitern Begründung meines Satzes, daß aus dem Widerrufe 
— ich gebrauche den Ausdruck, weil mir gerade kein zutreffenderer ein» 
fällt — die Unwahrheit der ersten Angaben der Kinder nicht gefolgert 
werden dürfe, muß ich mich jetzt etwas eingehender mit einem Faktor 
beschäftigen, welcher am 1. Oktober 1876 in die Marpinger Untersuchung 
eingetreten ist; ich meine den Kr r m iual-Kom m issa r ins v. Meer¬ 
scheid l-Hüllessem. Derselbe wurde vom damaligen Minister des 
Innern gesandt und spielte, wie das ja alles genugsam bekannt ist, an¬ 
fangs, um das Vertrauen der Marpinger zu gewinnen, den frommen 
Irländer, äffte aber katholische Gebräuche in theilweise so lächerlicher 
Weise nach, daß er sich dadurch bald verdächtig machte. In Parenthese
	        

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