269
einzelner Gelehrten, sondern feste Anschauung der Kirche. Die Fortdauer
der Wunder gehört sogar mit zu den M e r k m a l e n der katholischen
Kirche, resp. ist tin Moment zum Merkmale der Heiligkeit. Auch Pascal,
der im gcgentheiligen Sinne angeführt wurde, lehrt ausdrücklich
die Fortdauer der Wrinder. In feinen „Pensoes" lagt er: „Die Kirche
hat drei Arten von Feinden: die Juden, die Häretiker und die schlechten
Christen (voran die Jesuiten). Diese drei Feinde bekämpfen sie in der
Regel auf verschiedene Weise; aber hier (in der Frage der Fortdauer
der Wunder) auf dieselbe Weife. Da sie alle ohne Wunder sind, die
Kirche ober gegen sie stets Wunder gehabt hat, haben sie das gleiche
Interesse, dieselben zu entkräften." Weiter ist dem Pfarrer Neureuter
vorgehalten worden: „es sind ja da in Marpingen Gottes unwürdige
Dinge vorgekommen, Tenfelsgeschichten u. dgl. ; daraus hätten Sie doch
folgern sollen, daß die Kinder gelogen !" Auch diese Vorhaltung beruht aus
irrthümlicher Auffassung. Wunder oder irgendwie übernatürliche Erscheinungen,
welche Gott zugeschrieben werden sollen, müssen allerdings
nach Form und Zimck Gottes würdig sein.' Was aber dem Teufel
zugefchrieben wird und nicht Gott, braucht natürlich auch nichts weniger
als Gottes würdig zu sein. Eine unhaltbare Logik ist es daher, zusagen:
Weil das Treiben des Teufels Gottes unwürdig ist, ist es nnglanbbar;
und weil dieses unglaubbar ist, ist auch alles andere nnglaubbar, was
in keiner Weise als Gottes unwürdig erscheint! Theologisch wäre es
schon durchaus verkehrt und gegen alle Prinzipien, jede beliebige Reihe
anscheinend gleichartiger Erscheinungen bei derselben Person sofort solidarisch
als sämmtlich von Gott oder sämmtlich vom Teufel herrührend
zu erklären.
Zwingende Gründe, an der Wahrheit des Behaupteten zu zweifeln,
lagen hiernach in der Sache selbst nicht vor. Eine gewisse Bestätigung
erhielten dagegen in den Augen des Pfarrers die behaupteten
übernatürlichen Erscheinungen sogar durch das auf der gänzlich
haltlosen Unterstellung der „Anstiftung" eines Schwindels beruhende
Vorgehen der Verwaltungsbehörden. Derselbe sah den Glauben
an wunderbare Erscheinungen durch Militär, Polizei und Gendarmerie
zum mindesten indirekt bekämpft, und diese von einer irrigen Voraussetzung
ausgehende Anwendung so gänzlich ungeeigneter, einer ganz andern
Ordnung angehöriger, lediglich materieller Mittel mußte den Pfarrer
eher in dem Glauben bestärken als erschüttern. Dazu kamen die Fruchte,