Full text: Der Marpinger Prozess vor dem Zuchtpolizeigericht in Saarbrücken

neinen — was ich nicht thue — so würde hier doch der Latz gelten: 
'Niemand ist verpflichtet, ein Held zn sein, oder in anderer Version: 
Niemand ist verpflichtet, kritisch angelegt za sein. Es fragt sich gegen¬ 
wärtig nur: War das Verhalten der Beschuldigten ein solches, welches 
sie mit dem Strafgesetzbuche in Konflikt brachtet Mußten sie aus 
den ihnen bekannt gewordenen Umständen mit Nothwendigkeit schließen, 
daß eine Täuschung vorliege, und haben sie trotzdem direkt oder indirekt 
den Glauben an die angeblichen Vorkommnisse begünstigt, und zwar, nm 
sich oder der Pfarrgemeinde Marpingen einen rechtswidrigen Vermö¬ 
gensvortheil zuzuwenden? 
Mein Hr. Kollege bat an der Hand der einzelnen Kriterien des 
§ 263 den Nachweis geführt, daß diese Frage zu verneinen ist. Außer 
den angeführten Momenten möchte ich auch hier noch auf einige allge¬ 
meinere Gesichtspunkte aufmerksam machen, welche die Beschuldigung als 
eine ha'llose charakterisiren. Wenn die Anklage Recht hätte, so wären 
insbesondere die beschuldigten Geistlichen, namentlich der Pfarrer Neu- 
renter, die denkbar verächtlichsten Menschen. Sie würden, wissend, daß 
es sich um einen nichtswürdigen Schwindel handle, dazu beigetiagen 
haben, das gläubige Volk irre zu führen; sie hätten ein frivoles Spiel 
mit den heiligsten Dingen getrieben und den außerhalb der Kirche 
Stehenden in kritischer Zeit Anlaß zu Spott und Hohn gegeben. Da¬ 
neben mag ich kaum betonen, daß d eselben gleichzeitig ihren eignen 
Einfluß und ihre Autorität gegenüber ihren Gemeinden vollständig unter¬ 
graben und von diesem Gesichtspunkte aus gewissermaßen den Ast 
abgesägt hätten, auf welchem sie sitzen. Es gibt in der That keinen 
Ausdruck, der nach meinem Gefühl stark genug wäre, ein solches Ver¬ 
halten katholischer Priester zu brandmarken, und ich bin mit dem Hrn. 
Ober-Prokurator in dem Punkte völlig einverstanden, daß das höchste 
Strafmaß am Platze wäre, wenn die Beschuldigung zuträfe. 
Der ungeheuerlichen Annahme des öffentlichen Ministeriums wider- 
sp.icht aber das Verhalten des katholischen Klerus überha pt, das bis¬ 
herige Gefammtverhalten der Beschuldigten, namentlich des im Vorder¬ 
gründe stehenden Ortspsarrers. sowie die Haltung desselben in dieser 
speziellen Angelegenheit. Der Hr. Oberprokurator hat gestern eine Reihe 
von Fällen erwähnt, wo es sich thatsächlich um schwindelhafte, betrü¬ 
gerische Vorgänge handelte (wie in Eppelborn, Münchwies, Berschweiler, 
Gappenach); er hat es wohl nur aus Versehen versäumt, hinzuzufügen,
	        
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