Full text: Der Marpinger Prozess vor dem Zuchtpolizeigericht in Saarbrücken

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Das Richterkollegiuin beräth eine Zeit lang. Darauf bemerkt der 
Präs.: „Herr Oberprokurator, es kann die Vernehmung für diesen Fall 
auf ein geringes Maaß beschränkt werden. Es kommt in Frage, das; 
der Stader nicht einmal, sondern zweimal dem Publikum vorgeschwindelt 
hat. Es genügt dafür, wenn Lehrer Fab und Gensdarm Mende über 
die Vorgänge 1876 und Wachtmeister Meyer über die von 1877 ver¬ 
nommen würden. 
Oberprokurator ist mit der Beschränkung einverstanden. 
Prä s. bemerkt noch, das Gericht habe sich darüber schlüssig gemacht, 
das; die Vernehmung zur Charakterisirung nothwendig sei, um zu zeigen, 
wie das Ganze ein Gewebe sei, in welchem es sich um Betrug handelt. 
Der Stader habe eine Eingabe an Se. Majestät, eben so an den Prinzen 
Karl gemacht. In den Jahrei; 1875, 1876 und 77 und später sei 
Stader, wie sich aus anitlichen Berichten ergebe, mit dem Kinde herumziehend 
betroffen worden. Erhübe dabei vorgegeben, das Kind sei lahm geboren, 
der Vater fast erblindet, die Mutter todt. In dem Wägelchen habe sich 
ein Loch für Geldspenden gesunden. Stader sei wegen dieser Vorfälle 
bereits bestraft worden. Das Gericht betrachte es für erheblich, das; 
über einen Vorfall aus dem Jahre 1876 und 77 berichtet werde. 
Johann Fas;, Lehrer in Tholey, 35 I. all, ist am 12. Juli 1876 
im Wirthshause von Kreuz gewesen. Da sei auch der Stader gewesen, 
uni dessen Gespräche er sich anfangs gar nicht gekümmert habe. Später, 
als es Nacht geworden, habe Sk. zu dem Kinde gesagt: „Kind, jetzt mußt 
Tn Dein Gebet verrichten, das Dir auferlegt ist." Dann habe er das 
Kind mit vor die Thüre genommen und es an die Wand gelehnt, flach¬ 
ster habe er das Kind an eine vor dem Hanse stehende Chaise gestellt, 
an den Grund der Deichsel. Das Kind habe sich mühsam bewegt. Ec 
wisse nicht, ob die Füße den Boden berührten, da man dieselben nicht 
sehen konnte. Stader habe das Kind wieder in's Wirthshaus hinein¬ 
getragen und verschiedene Aeußerungen geinacht. Das Kind sei in Heil¬ 
anstalten von Wiesbaden, Frankfurt u. s. m. gewesen und als unheil¬ 
bar entlassen worden. Die Mütter Gottes habe es geheilt. „Kind, Du 
bist geheilt," sagte er, „zwar noch nicht ganz; Du bist ein sckönes Kind 
die Mutter Gottes wird Dir helfen." Stader sammelte a;;ch Geld 
Der Fall sei viel besprochen worden. Er habe in Tholey gleich gesagt 
er glaube nicht daran. 
Gensdarm Hentschel, 49 I. alt, hat den Stader am 2. Sept.
	        

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