Full text: Der Marpinger Prozess vor dem Zuchtpolizeigericht in Saarbrücken

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vorher nicht allein gehen konnte. Nach einigen unwesentlicheil Be- 
merkungen gab Herr Dr. Bahr aus Tholey seine Erklärung dahin ab, 
daß Kinder zuweilen in Folge der sogenannten Doppelt-Glieder-Krankheit 
erst nach 2 bis 3 Jahren das Gehen erlernten, und dast die Krankheit 
tast immer heilbar fei; das Kind habe, bevor es zum Härtelwalde ge¬ 
bracht wurde, aus Stühlen oder an der Wand gestützt, gehen können, 
dem Kinde habe es nur an Uebung gefehlt, die ungewohnte Reise nach 
Marp. und die Luftveränderung hätten die Kraftanstrengung bewirkt, 
und da die Knochen fest gewesen wären, hätte das Gehen kein Hindernis 
mehr gehabt; von Wunder könne keine Rede sein. — Der Zeuge nannte 
vorher den Namen des Dr. Bähr, weil er meinte, er sei gefragt, wer 
das Kind untersucht habe. 
Auf Ersuchen des Herrn Präsidenten erklärt sich der Herr Ober- 
Prokurator bereit, den Kaufmann Johann Caspar aus Wiesbach zur 
Vernehmung telegraphisch laden ju lassen. 
Es wurden sodann vernommen: Stephan Leist, 14 I. alt, ohne 
Gewerbe, Johann Jakob Leist, 12I. alt, Ferdinand Recktenwald, 
15 I. alt, alle drei zu Marpingen wohnhaft. Dieselben sagen überein¬ 
stimmend aus, das; sie vom Beschuldigte!; Hahn beauftragt morden seien, 
von der Cetto'schen Grube Draht zu holen, ohne Angabe, wofür der 
Draht bestimmt sei. Sie hätten den Draht an der Wohnung des Hahn 
niedergelegt. Dieselben hatten beim Bürgermeister und beim Untersu¬ 
chungsrichtergesagt, dast sie den Draht wegen Uebermüdung im Tannen¬ 
walde niedergelegt. Sie erklärten, daß der Beschuldigte Hahn sie be¬ 
wogen habe, das Letztere auszusagen, während ihre heutige Aussage 
vollkommen auf Wahrheit beruhe. 
Präs.: „Beschuldigter Hahn! Was sagt Ihr dazu? Schämt Ihr 
Euch nicht, so auf die Zeugen einzuwirken? Wenn der Zeuge damals 
hätte vernommen werden können, dann hättet Ihr ihn zur falschen Eides¬ 
leistung verleitet. Und ein halbes Jahr nachher kommt Ihr und sagt: 
ich habe auch eine blaue Mutter Gottes gesehen." 
Jakob Reckten wald, gen. Eckert, 45 I. alt, Schmied aus Mar¬ 
pingen, ist mit den drei Knaben Stephan, Johann Jakob Leist und 
Ferd. Recktenwald zusammen getroffen, als diese nach der Grube zum 
Obersteiger gehen wollten, um Draht zu holen. Zeuge hat nicht gefragt, 
was mit dem Draht geschehen solle. 
Obersteiger Eberschweiler bezeugt, die 3 Knaben hätten sich
	        

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