Full text : Die Entstehungsgeschichte des Saarstatuts

wertvolle  und  auch  zuverlässige  Quelle  ist  sodann  das
im  Jahre  1929  veröffentlichte  20  große  Textbände  umfassende
  Werk  von  Wilsons  Rechtsberater  David
Hunter  Miller  „My  Diary  at  the  Conference  of
Paris,  with  Documents“.  Sein  Inhalt  ist  in  den  bisher
erschienenen  deutschen  Abhandlungen  über  die  Entstehungsgeschichte
  des  Saarstatuts  nicht  verwertet.  Denn
sie  sind  meist  schon  vor  dem  Erscheinungsjahr  des
Miller’schen  Werkes  veröffentlicht,-')  und  den  späteren
Bearbeitern  war  dieses  wohl  nicht  zugänglich,  da  es  in
Deutschland  nur  in  einem  einzigen  Exemplar  vorliegt.2 3)
Die  Wünsche  Frankreichs  nach  Einverleibung  des
Saargebietes  sind  nicht  erst  infolge  der  Niederlage
Deutschlands  im  Weltkrieg  entstanden.  Inwieweit  sie
schon  in  der  Vorkriegszeit  ernstlich  verfolgt  worden
sind,  ist  ungewiß.  Doch  sind  sie  bereits  in  einem  während
  des  Weltkrieges  zwischen  Rußland  und  Frankreich
geschlossenen  Geheimabkommen  vom  Februar  1917
niedergelegt,  in  den  während  des  Krieges  veröffentlichten
  Kriegszielerklärungen  Frankreichs  sind  sie  aber
nicht  enthalten.
Zum  erstenmal  trat  die  französische  Regierung  hu
Januar  1919  mit  ihren  Ansprüchen  auf  das  Saargebiet
offen  hervor.  Damals  übermittelte  sie  ihren  Verbündeten
  ein  von  Tardieu  verfaßtes  umfangreiches  Memorandum,
  worin  sie  ihre  Forderungen  im  einzelnen  darlegte
und  zu  begründen  versuchte.  Sie  stellte  ihre  Ansprüche
unter  zwei  Gesichtspunkten  dar:  „Restitution“  (Wiedererstattung)
  und  „Reparation“  (Wiedergutmachung).
Als  Restitution  verlangte  sie  die  Wiederherstellung
  der  Grenze  des  ersten  Pariser
Friedens  von  1814.  Damals  waren  trotz  der  Besiegung
  Napoleons  1.  bedeutsame  Teile  der  Pfalz  und

2)  Es  sei  insbesondere  auf  die  temperamentvoll  geschriebene
Broschüre  von  E.  W.  Fischer  „Die  Verhandlungen  über  die
Saarfrage  auf  der  Pariser  Friedenskonferenz“  (Berlin  1924)
verwiesen,  aus  der  das  eingangs  genannte  Zitat  entnommen  ist.
Wichtiges  Urkundenmaterial  enthält  das  Weißbuch  der
deutschen  Regierung  „Das  Saargebiet  unter  der  Herrschaft  des
Waffenstillstandsabkommens  und  des  Vertrags  von  Versailles.“
(Berlin  1921.)
3)  Das  Werk  ist  als  Privatdruck  des  Verfassers  in  nur  40
Exemplaren  veröffentlicht.  Das  einzige  Exemplar  in  deutschem
Besitz  ist  ein  Geschenk  des  Verfassers  an  die  Universität  Berlin.
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