Full text: Die Entstehungsgeschichte des Saarstatuts

fanden durch die Rückgabe des Landes im Friedensschluß 
nach kurzer Zeit stets ein Ende. In einem Zeitraum von 1048 
Jahren hat Frankreich das Land im ganzen noch nicht 
68 Jahre besessen. Als im ersten Pariser Frieden 1814 ein 
kleiner Teil des jetzt begehrten Gebietes bei der Grenzfest- 
Setzung für Frankreich behalten wurde, erhob die Bevölke¬ 
rung dagegen schärfsten Widerspruch und verlangte „die 
Wiedervereinigung mit ihrem deutschen Vaterlande“, mit dem 
„sie durch Sprache, Sitten und Religion verwandt“ sei. Nach 
l1/* jähriger Besetzung wurde diesem Wunsche in dem zweiten 
Pariser Frieden 1815 Rechnung getragen. Seitdem ist das Land 
ununterbrochen bei Deutschland geblieben und verdankt diesem 
Anschluß seine wirtschaftliche Blüte. 
Auch heute ist die Gesinnung der Bevölkerung ebenso deutsch 
wie vor hundert Jahren. Die Arbeiterorganisationen, die Bürger 
und Handwerker, die Industrien und alle politischen Parteien 
sind einig in dem Bestreben, Glieder selbst eines verarmten 
und geschlagenen Deutschlands zu bleiben. Sie haben, da ihnen 
jede freie Meinungsäußerung seitens der besetzenden Macht 
unmöglich gemacht wird, durch die aus dem Gebiet gewählten 
Abgeordneten und berufenen Vertreter diesen Willen wieder¬ 
holt und nachdrücklich öffentlich bekundet. Diese so geartete 
Bevölkerung soll wegen ihres Zusammenhanges mit Stein¬ 
kohlenbergwerken einer besonderen Regierungsform des Völ¬ 
kerbundes unterstellt werden, ohne daß sie irgendwelche Rechte 
gegenüber der vom Völkerbund eingesetzten Fünf-Männer- 
Kommission erhält. Die Kommission, die nicht ein¬ 
mal ihren Sitz im Saargebiet haben muß, ist 
der Bevölkerung für ihre Handlungen nicht 
verantwortlich. Nur eines ihrer Mitglieder soll im Saar¬ 
gebiet geboren und dort wohnhaft sein, wobei in keiner Weise 
sichergestellt ist, daß es nicht einer der wenigen im Lande 
wohnenden Ausländer ist. Dieses Mitglied wird nicht von der 
Bevölkerung gewählt, sondern vom Völkerbundsrat auf Wider¬ 
ruf ernannt. Mit vier Vertretern anderer Staaten zusammen 
herrscht es über das Schicksal der Bevölkerung mit praktisch 
unumschränkter Gewalt. Eine Volksvertretung mit legislativer 
Befugnis besteht nicht. Alle staatsbürgerlichen Freiheiten gehen 
der Bevölkerung verloren; sie ist politisch rechtlos. 
Der Gebrauch der deutschen Sprache, die Schule, das religiöse 
Leben werden unter Kontrolle gestellt, dem französischen Staat 
ist die Einrichtung von Volks- und technischen Schulen mit 
französischer Unterrichtssprache durch Lehrer seiner eigenen 
Wahl gestattet. Die Zukunft aller Beamten und Angestellten 
wird völlig unsicher. Es besteht die Gefahr, daß die Arbeiter¬ 
gesetzgebung im Saargebiet nach anderen Grundsätzen ent¬ 
wickelt wird als im übrigen Deutschland. Der Saarbewohner 
hat als Hauptrecht das der Auswanderung, dabei keinen Schutz 
gegen Ausweisung. 
Diese Bestimmungen treffen eine Bevölke¬ 
rung, die, z u einem erheblichen Teil durch 
Kleinbesitz an die Scholle gebunden, mit 
Liebe an ihrem Lande hängt. So haben von 52 000 
Bergleuten über 20 000 eigenes Land und Haus, Die Ein¬ 
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