Full text: Wissen und Denken

9. Die Organisation der Seele. 
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Jetzt, aber erst jetzt, bedeutet uns das, womit Kant 
seine Philosophie beginnt, etwas in gewissem Sinne Richtiges: 
Es ist jedenfalls so, als oh „Dinge“ da seien, welche die 
„Gemüte“ (auch mein „Gemüt“) affizieren; und das Gemüt 
verarbeitet daun (unbewußt) das ihm so dargebotene Material, 
weil es ja eine bestimmte (unraumhafte) Organisation besitzt. 
„Chaotisch“ freilich ist das Material nicht; seine besondere 
Raum-zeitlichkeit ist ebenso im Affektionswege gegeben wie 
seine jeweils bestimmten Qualitäten, mögen auch Raurazeit- 
lichkeit und Qualitäten überhaupt ihrem Schein nach aus 
dem „Gemüte“ als dem Betroffenen herstammen. Man sieht 
es: hier, aber erst hier, d. h. im Rahmen der Psycho- 
physik als dem kompliziertesten Teil der Ordnungslehre, 
werden uns Empfindungen zu Material, das von tätigen 
Seelen kategorial geformt wird. Freilich bleiben wir auch 
jetzt noch im Rahmen jenes als ob, in den unsere Begriffe 
ja immer noch gebannt bleiben; die naiv realistische Seite 
der Kantischen Lehre machen wir also auch jetzt nicht mit. 
Aber im Rahmen des als oh gibt es allerdings jetzt für uns 
Leidendes und Tätiges, nämlich eben psychophysische Wesen 
mit „Sinnlichkeit“ und „Verstand“. Im Anfänge der Philo¬ 
sophie aber durfte es nur Habendes und Gehabtes geben, 
und was jetzt „Empfindung“ heißt und im Affektionswege 
jene Wesen als leidende und dann tätige betrifft, das hieß 
dort und noch vor Kurzem schlicht eine Jetzt-Hier-So-Ge- 
hahtheit. 
Jetzt, aber erst jetzt, wird es natürlich auch zu einem 
besonderen Problem, wie das von den Dingen stammende 
Material und die von den Seelen stammenden Formen zu¬ 
einander passen. Ohne den Harmonie-gedanken wird man 
hier nicht auskommen; aber der kann erst auf metaphysischem 
Boden wahrhaft sinnvoll sein. 
Driesch, Wissen und Denken. 
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