Full text: Die Krise des Idealismus

Temperament, von ihrer Weltanschauung, von ihrer 
Zugehörigkeit zu einer politischen Partei, von ihrer 
Ansicht über die Aufgaben und das Wesen des Staates 
abhängige, sondern sie zeigt allgemeine, notwendige 
und selbstverständliche Einwirkungen des religiösen 
Geistes auf sie. Die Befreiung gerade von diesen Ein¬ 
wirkungen, ihre Möglichkeit und Tatsächlichkeit ein¬ 
mal hypothetisch zugegeben, würde sogar zu einer 
Aushöhlung und Entleerung derjenigen Bewußtseins¬ 
stellung und Situation führen, die die Grundlagen des 
Philosophierens darstellen. Ein Mann von einer 
„katholischen“ Sinnesart philosophiert nun einmal 
anders, als ein „protestantisch“ gerichteter Geist. Da¬ 
bei ist es natürlich gleichgültig, ob der betreffende 
Denker auch äußerlich und sozusagen bekenntnis- 
mäßig zur katholischen bezw. zur protestantischen 
Kirche gehört. Je nachdem das Geistesleben in sei¬ 
ner Allgemeinheit und seiner Hauptströmung nach 
einen stärkeren Zug zur „katholischen“ oder zur 
„protestantischen“ Denkungsart aufweist, wird auch 
das Philosophieren einer Zeit schon von seinem 
Grunde, von seiner Urschicht an die entsprechende 
Tendenz in sich tragen. Ist also eine Richtung in der 
Philosophie mehr mit der protestantischen Denkweise 
verbunden, dann wird über sie bei einem Wandel 
dieser Denkungsart notwendigerweise eine Krise kom¬ 
men. Das Gesetz dieses Verhältnisses, dieser Entspre¬ 
chung besitzt allem Anschein nach seine Wurzel in 
der Tiefe des religiösen Lebens und Erlebens. Des¬ 
halb hat bei dem Vollzug dieses Wandels und bei 
dem Eintritt in das Stadium der Krise wohl das reli¬ 
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