Full text: Die Krise des Idealismus

schehens vollzogen- Aber wir müssen auch den Grund 
und die Notwendigkeit für diese kühne gedankliche 
Umbildung einsehen. Das Lehen ließe sich ohne den 
Willen zum Guten bzw. Schlechten nicht zur Verant¬ 
wortung ziehen, und es hätte nicht den mindesten 
Sinn, sich geistig und sittlich mit ihm auseinanderzu¬ 
setzen. Es wäre nichts als ein gebundener und bedeu¬ 
tungsloser Vorgang, mit dem wir uns einfach abzufin¬ 
den hätten. 
Der philosophische Idealist steht dem geschichtli¬ 
chen Werden mit einer bis zum Äußersten gehenden 
Zumutung, mit einem radikalen Anruf und Aufruf ge¬ 
genüber, Er hält ihm wie ein von Gott gesandter Ge¬ 
wissensmahner und Weltrichter die aus der Tiefe 
schärfster Gewissensspannung stammenden Werttafeln 
entgegen. Er mißt und bewertet es, nicht um es auf je¬ 
den Fall zu verwerfen und zu verurteilen, wohl aber 
um es auf jeden Fall der Kritik zu unterwerfen, und 
um so die Freiheit des Geistes und die Überlegenheit 
der Vernunft gegen die Macht der Geschichte zu be¬ 
weisen und zu bewähren. 
3) Doch die Macht der Geschichte, eine herrische, 
rücksichtslose Macht sondergleichen, beugt sich nicht 
den sittlichen Forderungen und den Geboten oder 
Hoffnungen der praktischen Vernunft. Zu heftig wü¬ 
ten in ihr diejenigen Kräfte, die der Gewalt dienen, 
und die doch auch ein Recht in sich tragen, eben das 
Recht ihrerKraft und ihrer Macht, ein naturales Recht, 
ein realistisches Recht, aber doch auch ein Recht. Und 
so kommt es zu einem ewigen Kampf zwischen die¬ 
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