Full text: Die Krise des Idealismus

tersteht. Sie übersieht also keineswegs die seeUsche 
und die geistige Natur des Menschen. Aber auch die¬ 
ses seelische und geistige Leben versteht sie unter dem 
Gesichtspunkt seines Gegebenseins in tatsächlichen 
Akten logischer, ästhetischer, religiöser, emotionaler 
u. s. w. Art. Selbst da, wo sie sich mit dem Reich der 
Werte beschäftigt, bezieht sie sich auf das Erschei¬ 
nungsreich der Werte, also auf die sachlich gebunde¬ 
nen Werte. Also z. B., auf die Gebundenheit eines 
Wertes oder einer Wertreihe an logische oder an 
ästhetische Akte oder an Intentionen. Doch bei die¬ 
sen Intentionen, bei diesen in einem solchen Akte wir¬ 
kenden Absichten, denkt sie an „wirkliche“ Intenti¬ 
onen, wie solche psychologisch nachweisbar sind, und 
an Akte und Intentionen, die auf Seiendes, auf Gegen¬ 
ständliches bezogen sind und von ihm aus ihren Sinn 
und Wert erhalten. 
Und das ist nun eben das Entscheidende. Dadurch 
verdeutlicht sich der empirische Charakter dieser 
phänomenologischen Anthropologie. Sie hat bei ihren 
Untersuchungen nicht die reine Spontaneität und Idea¬ 
lität des Menschen im Auge. Sie sieht — von ihrem 
Standpunkt aus mit vollem Recht — nicht au? den 
ideellen Sollenssinn im Wesen des Menschen, nicht 
auf seine geheimnisvolle Kraft zur Stellung sich nie¬ 
mals verwirklichender Aufgaben, auf seine im eigent¬ 
lichen Sinne „ethische“ Haltung. Sie sieht lediglich 
auf das Ergebnis der Arbeit an diesen Aufgaben, auf 
denjenigen Teil seiner spontanen Tätigkeit, der sich 
in tatsächlichen Leistungen ausdrückt, und seien diese 
Leistungen auch „ideeller“ Natur. 
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