Full text: Die Krise des Idealismus

Anbequemung an die Gegebenheiten bringt in ihr 
Verhalten eine peinliche Undurchsichtigkeit und sehr 
oft auch eine erschreckende Unzuverlässigkeit. Denn 
da die Tatbestände unaufhörlich wechseln, so wech¬ 
seln jene Menschen gleichfalls unaufhörlich ihren 
Standpunkt, ihre Urteile und ihre Lebensbeziehungen. 
Ihre Gewandtheit läßt keine eigentliche Treue zur 
Entfaltung und Bewährung gelangen. So notwendig 
es in einer Hinsicht ist, sich nach der gewaltigen Macht 
des Lebens zu richten, so lockert sich jede Charakter¬ 
festigkeit, wenn wir uns durch keinen anderen Ge¬ 
sichtspunkt als durch den der Rücksicht auf das Le¬ 
ben bestimmen lassen. Wir kommen dann bald dazu, 
die freie Verfügung über die Verhältnisse einzu¬ 
büßen. 
Und diese Freiheit ist mindestens ebenso not¬ 
wendig und des Menschen mindestens ebenso würdig 
wie der Gehorsam dem Leben gegenüber. Die An¬ 
passung an die Gegebenheit verträgt sich, so nützlich 
und unabweisbar sie in vielen Fällen ist, oft nicht 
mit den Forderungen des Gewissens und der Sittlich¬ 
keit. Sie führt und verführt zu einem „politischen" 
Verhalten, sie mindert oder zerstört unsere sittliche 
Freiheit, die Freiheit des Denkens und des Handelns. 
Sie läßt uns immer nur mitgehen mit den stärkeren 
Bataillonen und verstauet dem Einfluß der Suggesti¬ 
on, der immer von der Macht und dem von ihr aus¬ 
geübten Eindruck ausgeht, einen schnellen Zwang auf 
unsere geistige Selbständigkeit. Da der Mensch aber 
dazu neigt, wenigstens den Anschein seiner Selbstän¬ 
digkeit vor sich oder vor den anderen zu retten, so mo- 
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