Full text: Die Krise des Idealismus

Da ist zunächst die moderne Psychologie. So wie 
sie sich in den letzten Jahrzehnten in mannigfachen 
Typen ausgebildet hat, steht sie in einem doppelten 
Streit. Einmal ist sie die Gegnerin der alten, noch 
von Platon begründeten sogenannten rationalisti¬ 
schen Seeleulehre. Diese ging aus von der Annahme 
der Existenz eines „Wesens4" der Seele. Und aus die¬ 
sem Wesen, aus dieser Substanz wurden dann weniger 
auf dem Wege der Beobachtung und des Erlebens als 
auf dem einer vorherrschend gedankenmäßigen Ab¬ 
leitung die verschiedenen seelischen Vermögen und 
Erscheinungen entwickelt. Grundlegend dabei war 
die Voraussetzung der — logisch erfaßbaren — Ein¬ 
heit des seelischen Lebens. Diese Einheit zog fast 
ausschließlich die Aufmerksamkeit des Seelenfor¬ 
schers auf sich, seine wissenschaftliche Teilnahme 
galt vor allem ihrer Erfassung und Deutung. Dabei 
mußte notwendigerweise die Berücksichtigung der 
wirklichen seelischen Vorgänge zu kurz kommen. 
Weil diese rationalistische Psychologie für das tat¬ 
sächliche seelische Geschehen kein Auge zu besitzen 
schien, verfiel sie der Ablehnung durch die moderne 
realistisch eingestellte Psychologie. 
Aber diese realistische Psychologie steht noch in 
einem zweiten Gegensatz. Sie macht auch der na¬ 
turwissenschaftlich verfahrenden Seelenforschung 
den Vorwurf, die wahre Natur und die konkreten Ei¬ 
gentümlichkeiten ihres Gegenstandes deshalb nicht 
in die Sicht zu bekommen, weil sie von einer unange¬ 
brachten Fragestellung ausgehe und mit einem der 
7 A. Liebert. Die Krise d. Idealismus. 
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