Full text: Philosophie der Kunst

16 
Das Problem der Kunst. 
Geist nicht in der absoluten Leere des vollendeten Nicht-Wissens 
beharrte. Die Bestätigung des Daseienden, aus dem heraus die 
Welt errichtet wird, aus der es dem Menschen natürlich erscheint, 
von Wesen und Dingen umgeben zu sein, der erste Gedanke da¬ 
seiender Wesen, aus dem heraus jedes von ihnen die Bestimmung 
seiner spezifischen, von der des Gedankens, der sie denkt, ver¬ 
schiedenen Natur vornimmt und so gleichermaßen dem Weltgebäude 
Farbe verleiht — das alles sind Urteile, mittels deren die denkende 
Aktivität des Subjekts ihre freie Ausdrucksform findet, mag es 
sich auch der eigenen Freiheit noch nicht bewußt sein, mag es 
auch meinen, es sei von einer endlosen Vielheit von Wesen um¬ 
schlossen, die außerhalb seines eigenen Seins sind. Diese obzwar 
ihrer selbst nicht bewußte Freiheit ist Leben des Gedankens und 
Freude des Geistes. Wenn dieser Geist denkt, und wäre es auch nur 
in diesen primitiven Formen, so wird er der Empfindung, ja den 
Spuren jener harten äußeren Wirklichkeit, die seine Energien be¬ 
grenzt, oder gar zertrümmert, entgehen, weil er sich allmählich in 
einer Gedankenwelt der Sicherheit und Wahrheit, in seiner ur- 
eigentlichen nämlich, bewegt, wo es nur die Welt der Erfahrung 
und der Wissenschaft gibt, die er sich selbst schafft. 
Doch wenn man einen Augenblick versucht, über die Grundlage 
dieser Gewißheit und dieser Wahrheit nachzudenken, die Grund¬ 
lage, auf der der Geist eben diese seine Welt errichtet, so muß ihm 
der Verdacht aufsteigen, daß jenseits der Dinge, deren er sich ver¬ 
gewissert, und die er definiert, ein dunkler Hintergrund schlummert, 
der ihm die erste Vorstellung jener Dinge ermöglicht: etwas Ge¬ 
heimnisvolles und Unzugängliches, vor dem der Gedanke, wenn er 
sich Rechenschaft ablegt, seine Ohnmacht gestehen muß. Dann 
kehren Unruhe und Sorge zurück, und die Freude des Wissens 
vergeht vor der vernichtenden Erkenntnis des Leeren. Angstvoll 
richten sich die Bliche zur Religion, zur Metaphysik, zur Philo¬ 
sophie, und der Gedanke fordert von sich selbst die stärkste 
Energie, um jenseits all dessen, was existiert, hinauszugelangen, 
um Sein und Wesen überhaupt zu klären. Sie zu erklären, indem 
der Gedanke auf eine dritte Frage antwortet: auf die des Weshalb, 
oder des ersten Grundes, oder des Ursprungs; eine Frage, die hin¬ 
sichtlich des Gedankens Antwort findet, wenn sein Wesen im Be¬ 
griff erschaut wird; denn indem der Gedanke das Bewußtsein seiner 
Selbst, worin der Begriff besteht, verwirklicht, existiert er mit 
seinem Wesen: er erzeugt sich selbst als Gedanken. Eine Frage, 
auf die es keinem Sein je an einer Antwort fehlen wird, wenn
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.