Full text: Philosophie der Kunst

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Die Attribute der Kunst. 
die Auferstehung künstlerischer Individuen ermöglichen, die sich 
ausgelöscht glaubten und nun im menschlichen Geist zum Leben 
zurückkehren. Ihre Seele, das, was dieser Seele Leben und Schön¬ 
heit gab, war nicht ausgelöscht. Und wie ein lebender Mensch 
durch unglücklichen Zufall Arme, Beine, Augen und Gehör ver¬ 
lieren und doch in dem Torso, der ihm bleibt, sein Leben kon¬ 
zentrieren und es mit Miene und Wort und in allen Formen aus- 
drücken kann, in diese noch immer seinen Gedanken wird er¬ 
gießen können, so genügt es bisweilen, von einem Kunstwerk nur 
ein Fragment aufzufinden, um im Geist seines Deuters, das heißt 
im Subjekt ein mächtiges Echo zu erwecken, das die volle und totale 
Stimme, die Seele des Künstlers ist. 
Es ist offensichtlich, daß das Kunstwerk nicht in seinem Inhalt, 
in seiner Technik, in dem Körper, der es umschloß, in dem Ge¬ 
danken, in dem die geniale Seele ihren Ausdruck fand, unsterblich 
ist: das alles sind Elemente für sich, hinfällig bei jedem Kunst¬ 
werk. Sondern unsterblich ist es in dem Gefühl, das es beseelt. 
Denn in jedem Kunstwerk ist das Gefühl alles, es ist die Form, in 
der der Inhalt aufgeht und umgestaltet wird, so daß den Geist des 
Kritikers, der dazu gelangt, seine Schönheit zu genießen, kein 
Wort, kein Gedanke, kein Element, das die Analyse unterscheiden 
könnte, aufhalten kann. Es bleibt vor ihm die reine Seele des 
Kunstwerkes. Und so kann in keinem Kunstwerk Form und In¬ 
halt unterschieden und als unsterblich die Form, als sterblich der 
Inhalt bezeichnet werden. 
Der Ausspruch des Dichters: „Es stirbt Jupiter, und der Hymnus 
des Dichters bleibt“, ist, wörtlich genommen, nicht wahr. Der 
Irrtum rührt aus dem doppelten Gesichtspunkt her, der bei den 
beiden Gliedern der Behauptung angewandt wird. Der Hymnus 
des Dichters bleibt, sobald wir ihn wieder singen; soweit wir ihn 
interpretieren, überwinden wir den Inhalt und gelangen zu seiner 
Form. Um diesen Weg aber zu vollenden, müssen wir den Inhalt 
durchschreiten: dieser verwehrt uns den Durchgang, wenn wir 
in das, was er uns sagt, in die Worte, die er formuliert, einen 
Gedanken hineinlegen, der von dem Gedanken des Dichters, von 
seiner Weltanschauung, von seinem religiösen Glauben, kurz von 
der subjektiven Gesamthaltung abweicht, die sein konkretes Ge¬ 
fühl bildete. Wenn wir einen Inhalt als falsch beurteilen, so 
stellen wir uns auf den Standpunkt des abstrakten Logos; um aber 
den dichterischen Sinn des Hymnus zu empfinden, muß man in den 
konkreten Logos dringen, in dem die Form aus dem Inhalt und
	        
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