Full text: Philosophie der Kunst

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Die Attribute der Kunst. 
eine große Maschine dar, in der jeder ein kleines Rad ist, an das 
Triebwerk gebunden, das sie in Bewegung setzt und sie ruhelos 
schwingen läßt. Eine Zeitlang täuschen die Hoffnungen und be¬ 
reiten bitterste Enttäuschungen vor. Großartige Pläne weiten 
die Brust beim Atmen einer höheren Welt; aber sie zerbrechen 
früher oder später beim harten Zusammenstoß mit unübersteig- 
baren Hindernissen. Wagemutig begegnet die Jugend dem Leben 
mit einem blinden Glauben an die Zukunft, und am Ende des 
Weges lauert das erbarmungslose Grinsen des Todes. Gegen diese 
Gesetze rebellieren? Aber die riesige starke Maschine zermalmt 
alles, was sich der Bewegung ihres Räderwerkes in den Weg stellt. 
Einer reifen Überlegung erscheint die Maschine zwar als das, was 
sie ist: als ein eitles Phantasiegebilde; aber nun treten an die 
Stelle der mechanischen andere Gesetze ein, die nicht weniger starr 
und erbarmungslos gegen den sind, der sie verkennt und verletzt. 
Die Gesetze des Geistes sind die Gesetze der Freiheit; aber Frei¬ 
heit sagen heißt Aktivität und Fortschritt sagen: nicht angekom¬ 
men sein, sondern marschieren. Immer neue Hindernisse: man 
besiegt sie, aber sie erheben sich in neuen Gestalten. Kein Sieg 
läßt zu, daß man auf Lorbeeren sehlummre. Vom Morgen bis zum 
Abend, in jedem Augenblick ist ein neues Problem zu lösen und 
immer gilt es zu wachen, zu arbeiten und unablässig zu denken. 
So webt man das Gewebe der Wirklichkeit, in der alles geordnet 
und von der Ordnung unlöslich gebunden ist. Jedes Ding an seinem 
Platz. Und dieses Wachen über die Wirklichkeit ist eine dauernde 
Anstrengung, diese Ordnung, dieses System gegenwärtig zu haben, 
ohne sich etwas entgehen zu lassen. Und die hundert Augen des 
Argus, und die hundert Arme des Briareus genügen nicht für den, 
der vorwärts gehen will, ohne zu straucheln und zu fallen und vom 
System überrannt zu werden. Das System der Erfahrung, dieses 
feste und solide Gewebe, in dessen Mitte wir sind, wer vermag es 
zu zerreißen? 
Die Kunst, die als reine Subjektivität das Selbst-Bewußtsein 
des Menschen aus der Peripherie zum Mittelpunkt zurückführt, 
wo alles sich in einem unendlichen Punkte sammelt und zusammen¬ 
findet, ist das schöpferische Subjekt. Auch der Traum entzieht, 
wie wir sahen, den Geist dem totalen System der Erfahrung und 
gibt ihm die Möglichkeit, in seiner eigenen Unendlichkeit zu wan¬ 
deln. Im Traum aber fühlt das Subjekt nicht diese seine Unend¬ 
lichkeit, und es begegnet ihm daher, daß es sich Dingen neigt und 
unterwirft, die sich ihm mit der unerbittlichen Härte einer für
	        
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