Full text: Philosophie der Kunst

Die Kunst als Befreierin. 
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Siegel des Gefühls befestigt wird, so daß das Subjekt sieb erhebt 
und wie ein Turm aufstrebt in seiner Unendlichkeit und Freiheit, 
die den Menschen die Freude des Lebens und den Stolz seiner 
Macht fühlen lassen — in dieser Rückkehr des Subjekts zu sich 
liegt die Katharsis jeder Dichtung und jeder Kunst. 
3. 
Der Trost der Kunst. 
Da die Synthese, in der die Kunst sich verwirklicht, zugleich 
die Synthese ist, die die Kunst überwindet und uns die konkrete 
Totalität des Geistes und damit der Welt gibt, so ist der Schmerz, 
von dem die Kunst uns befreit, nicht der einzelne Schmerz, der 
mittels des einzelnen Kunstwerkes sich entwickelt und reift. Er 
könnte ein Unglück sein, das von Fall zu Fall überwunden werden 
kann; von dem praktischen Menschen, der ganz in den aufbauenden 
Gedanken einer Wirklichkeit versenkt ist, in der man immer besser 
leben, immer besser die eigenen Ziele erreichen kann; von dem 
Wissenschaftler, der sein Leben mit einer auf eine Erfassung 
des Objekts gerichteten Seele lebt, in der das Gefühl sich 
in der Schau der Notwendigkeit des Ganzen beruhigt; und vor 
allem von dem Philosophen, der im vollen Licht des Selbst¬ 
bewußtseins Objekt mit Subjekt in ausgeglichener Einheit ver¬ 
knüpft und sich dem sicheren Glauben hingibt, daß keine Schranke 
besteht, die die menschliche Freiheit unterdrückt und jene Macht 
vernichtet, in der unser ganzes Glück liegt. Aber was zieht den 
Geschäftsmann oder irgendeinen andren Menschen, der sich tags¬ 
über den Leidenschaften der Politik oder der Industrie oder des 
Handels widmet, des Abends, wenn er schon müde ist und viel 
eher ein Bedürfnis nach Ruhe empfindet, ins Theater, in dem man 
ein Lustspiel oder ein Trauerspiel ankündigt? Welches Interesse 
regt diesen Mann an, der gewöhnt ist, seine Interessen einer ge¬ 
nauen Prüfung zu unterziehen? Und welches Motiv bringt die 
Menschen, die die ganze Woche gearbeitet haben, dazu, Museen 
und Gemäldegalerien zu besuchen, wo es bestimmt nicht Ausruhen, 
sondern Studieren und damit neue Mühe gibt? 
Die Kunst ist für alle wie eine Zuflucht und eine Erhebung 
von den harten Gesetzen des wirklichen Lebens und von den 
Kämpfen, durch die hindurch sie sich allmählich entfaltet. Wer 
sich bei den ersten Betrachtungen über die Wirklichkeit, in deren 
Mitte zu leben unsere Aufgabe ist, aufhält, dem stellt sie sich wie
	        
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