Full text: Philosophie der Kunst

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Die Attribute der Kunst, 
geschichtliche Erfahrungen gemacht haben, damit man den Begriff 
„Tragödie“ aufstellen konnte: ein unbestimmter Begriff, wenn 
man will, und nur mühsam einer genauen Bestimmung zugänglich 
(gibt es vielleicht absolut bestimmte Begriffe? finden wir sie viel¬ 
leicht in der Mathematik?). Ist dieser Begriff aber, in dem das 
Subjekt eine bestimmte Periode seiner eigenen Entfaltung ein¬ 
schließt, einmal aufgestellt, so wandelt er sich zu einer Errungen¬ 
schaft, die den späteren geschichtlichen Erfahrungen gegenüber 
als ursprünglich bezeichnet werden muß. Diese Erfahrungen werden 
mittels jener Errungenschaft begriffen und gewertet werden. Das 
ist der ewige Prozeß des Gedankens. Jeder neue Erwerb dient zur 
Bereicherung der inneren Subjektivität des Gedankens. Nichts 
geht verloren, alles wird als Schatz aufgespeichert. 
In zweiter Linie ist es nicht richtig, daß diese mittels der Er¬ 
fahrung erworbenen Kategorien das Individuelle mehr ent-indivi- 
dualisieren, als dies zu seinem Erfassen erforderlich ist. Wenn 
ich eine neue Tragödie als solche kennenlerne, so geschieht es 
nicht, daß ich deswegen, weil ich sie als solche kennenlerne, nur 
etwas Gattungsmäßiges in ihr wahrnehme und mir alle die 
Sonderbestimmungen entgehen lasse, auf Grund deren sie nicht 
die Tragödie, sondern diese Tragödie ist. In Wahrheit ist 
jedes Urteil als Urteil des abstrakten Logos Verallgemeinerung des 
Besonderen, zugleich aber Besonderung des Allgemeinen und als 
Urteil des konkreten Logos Verallgemeinerung (Denken) des In¬ 
dividuums und zugleich Individualisierung des Gedankens (oder 
des Allgemeinen) .*') Beide Momente sind nicht trennbar. Und 
wenn es scheint, als trenne man sie, indem man den Begriff 
„Tragödie“ nicht als Prädikat besonderer Tragödien, sondern als 
Subjekt abstrakter Definitionen behandelt — ein Irrtum, der den 
alten und neuen Poetiken vorgeworfen wird —, nun, so muß 
man, um gerecht zu sein und nichts Irriges zu sagen, anerkennen, 
daß die Dinge nicht eben so sind, wie es scheint. Denn in diesem 
wie in jedem anderen Falle, wenn man sagt, was die Tragödie ist 
oder sein soll, denkt man in Wirklichkeit nur an das, was die 
Tragödien sind und waren, durch die man sich diesen Begriff von 
der Tragödie gebildet hat und so von ihm spricht. Aristoteles 
denkt an Äschylos, und sein Begriff der Tragödie stimmt mit 
5) Das Besondere ist das abstrakt begriffene Individuum außerhalb des 
Gedankens in seiner Verwirklichung. Das Individuum ist dasselbe Besondere, 
soweit es im Akt des Gedankens eben gerade mit dem Subjekt zusammenfällt, 
das sich mittels des Urteils vergegenständlicht und so sich denkt.
	        
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