Full text: Philosophie der Kunst

Die Kunst, die Künste und die schöne Natur. 
197 
Kehren wir zu den allbekannten Pseudobegriffen zurück.4) Es 
ist richtig, daß solche Allgemeinbegriffe (wie Mensch, Hund, Pflanze, 
Name, Zeitwort, Umstandswort, Trauerspiel, Satire usw.) nicht 
Kategorien, das heißt Formen a priori sind, die daher rein, not¬ 
wendig und absolut für den Gedanken sind, wenn es sich bei der 
Kritik zeigt, daß der Gedanke auf sie verzichten kann. Es ist 
richtig, daß eine grammatikalische, dichterische oder rheto¬ 
rische Regel eine historische Bildung ist, die bestimmten Ideen, 
bestimmten Kulturüberlieferungen, bestimmten gegebenen und 
als hervorragend beurteilten Werken entspricht, deren Wert 
aber nicht mit normativer Kraft erhoben werden kann, die außer¬ 
halb dieser Ideen usw. tätig ist; es ist richtig, daß jede Dichtung 
ihre Poetik und jede Rede ihre Grammatik hat; aber es ist ebenso 
richtig, daß solche Allgemeinbegriffe für den, der sie anwendet 
und für all das, dem gegenüber man sie mit Nutzen anwenden 
kann (und wer wendet nie etwas an, was ihm nicht nützlich 
wäre?), eben die Notwendigkeit haben, die den Kategorien des 
Gedankens eigen, und daß sie gleichzeitig auch die Individualität 
haben, die der geschichtlichen Erkenntnis eigen ist. Das gilt 
wenigstens dann, wenn man die Geschichte versteht, wie sie ver¬ 
standen werden muß: nicht als Geschichte einer gegebenen Wirk¬ 
lichkeit, sondern der gleichen Wirklichkeit, die man, indem man 
die Geschichte denkt, verwirklicht. 
In erster Linie sind alle Bestimmungen des Gedankens Kate¬ 
gorien und sind nicht Kategorien. Sie sind es nicht, soweit sie 
Objekt des Gedankens, sie sind es, soweit sie Funktionen des Sub¬ 
jekts im Denken sind. Alle Kategorien leitet man ab (mit Aus¬ 
nahme des Subjekts), und alle werden daher geformt; aber ge¬ 
formt, wie sie sind, treten sie in das Wesen des Subjekts und 
wirken wie Formen a priori des Gedankens. Daher gibt es eine 
einzige Kategorie, wie es zugleich unzählige gibt. Vielfalt, die sich 
in einer immanenten Einheit löst. Bestimmt muß man zahlreiche 
4) Es genügt, den geschichtlichen Ursprung dieser Theorie der Pseudo¬ 
begriffe zu betrachten, um ihre Unzulässigkeit in einer idealistischen Philo¬ 
sophie festzustellen. Diese Theorie wurde tatsächlich von der Erkenntnis¬ 
theorie der Naturwissenschaften eingeführt, die den praktizistischen Charakter 
der Naturwissenschaft als Aufbau von Schemen (nicht echten und eigent¬ 
lichen Erkenntnissen) hervorhob, die für die Beherrschung der Natur von 
Nutzen wären. Aber eine solche Erkenntnistheorie entstand und konnte 
nur auf dem Boden der Naturwissenschaften entstehen, die alle realistisch, 
weil naturalistisch und daher antiidealistisch sind — wenigstens solange sich 
der Naturwissenschaftler nicht idealistisch von der Identität der Natur, die er 
studiert, und dem Gedanken, mit dem er die Natur studiert, Rechenschaft 
ablegt.
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.