Das Gefühl.
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die Flamme der Leidenschaft, die sein schwaches Leben verzehrt.
Er empfindet für die Gestalt dieser Wahrheit eine Leidenschaft, er
betet sie an, und zwar nicht abstrakt, sondern in allen Linien,
Schatten und Lichtern, in denen diese Gestalt sich ihm zeigt —
diese Wahrheit, die in ihrer ganzen Struktur von den ersten
Definitionen bis zu den letzten Anmerkungen eng mit dem Ganzen
verknüpft, ausgerüstet und gepanzert ist, um jeden Zweifel zu be¬
siegen, um jeder Kritik Widerstand zu leisten, um unbewegt und
unwandelbar durch die Jahrhunderte zu beharren, wie es der Wahr¬
heit zukommt, die die Menschen entdecken, doch nicht schaffen: der
göttlichen Wahrheit. Gelänge es dem Philosophen tatsächlich, die
Seele von jedem leidenschaftlichen Moment zu entlasten, so würde
er sich des Lebens berauben: er würde jeden Funken in sich aus¬
löschen und in seinem Innern würden die Säulen des Universums
Zusammenstürzen. Die Kraft, die die Seele beherrscht und stützt,
und in der Seele alles, was sich dort sammelt und seinen Mittel¬
punkt findet, ist eben das Gefühl. Dies wird zwar stets überwunden
und gleichsam aufgelöst in dem Gedanken, der das Vermögen be¬
sitzt, dem Subjekt gegenüber zu objektivieren, und von ihm daher
zu entfernen, was sonst zu seinem Innern gehörte und ganz eins
mit ihm wäre. Wenn dem Gedanken aber einmal das Gefühl fehlen
würde, das er objektiviert, so geriete er in die Gefahr, im Leeren
zu arbeiten und daher ins Nichts zu fallen.
Was der Gedanke in seinem Akt objektiviert — was anderes
ist es als eben das Subjekt? Das Gefühl gehört also dem Subjekt
an, oder es ist das Subjekt selbst. Aber wenn es nicht das Subjekt
wäre, so müßte man in ihm das Subjekt und seine Attribute unter¬
scheiden können: eine Unterscheidung, die offensichtlich unmöglich
ist ohne Gedanken, ohne dessen Werden, der in die abstrakte
Identität des Subjekts die Verneinung und daher den Unterschied
und daher wiederum die Unterscheidung bringt. Um zu einer
Unterscheidung zu gelangen, muß man das Moment der Sub¬
jektivität überwinden. Unterscheiden ist schon denken. Vor dem
Denken kann es in dem Subjekt, das Bedingung oder Grund¬
lage des Denkens ist, keine Spur von Unterscheidung geben. Wenn
man sagt: „Ich habe ein Gefühl und muß es bewahren oder mich
davon befreien, weil es Freude oder Schmerz ist“, so ist eine
Aktivität hinzugekommen, durch die das Subjekt sich vor sich selbst
stellen und sich gegenüber von sich selbst gleichsam in einem
Spiegel sehen kann, wo unser Gesicht uns gefallen mag oder nicht,
und vor dem der Wunsch nach ehrenwerten Retuschen, nach mehr
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