Full text: Philosophie der Kunst

Das Gefühl. 
137 
die Flamme der Leidenschaft, die sein schwaches Leben verzehrt. 
Er empfindet für die Gestalt dieser Wahrheit eine Leidenschaft, er 
betet sie an, und zwar nicht abstrakt, sondern in allen Linien, 
Schatten und Lichtern, in denen diese Gestalt sich ihm zeigt — 
diese Wahrheit, die in ihrer ganzen Struktur von den ersten 
Definitionen bis zu den letzten Anmerkungen eng mit dem Ganzen 
verknüpft, ausgerüstet und gepanzert ist, um jeden Zweifel zu be¬ 
siegen, um jeder Kritik Widerstand zu leisten, um unbewegt und 
unwandelbar durch die Jahrhunderte zu beharren, wie es der Wahr¬ 
heit zukommt, die die Menschen entdecken, doch nicht schaffen: der 
göttlichen Wahrheit. Gelänge es dem Philosophen tatsächlich, die 
Seele von jedem leidenschaftlichen Moment zu entlasten, so würde 
er sich des Lebens berauben: er würde jeden Funken in sich aus¬ 
löschen und in seinem Innern würden die Säulen des Universums 
Zusammenstürzen. Die Kraft, die die Seele beherrscht und stützt, 
und in der Seele alles, was sich dort sammelt und seinen Mittel¬ 
punkt findet, ist eben das Gefühl. Dies wird zwar stets überwunden 
und gleichsam aufgelöst in dem Gedanken, der das Vermögen be¬ 
sitzt, dem Subjekt gegenüber zu objektivieren, und von ihm daher 
zu entfernen, was sonst zu seinem Innern gehörte und ganz eins 
mit ihm wäre. Wenn dem Gedanken aber einmal das Gefühl fehlen 
würde, das er objektiviert, so geriete er in die Gefahr, im Leeren 
zu arbeiten und daher ins Nichts zu fallen. 
Was der Gedanke in seinem Akt objektiviert — was anderes 
ist es als eben das Subjekt? Das Gefühl gehört also dem Subjekt 
an, oder es ist das Subjekt selbst. Aber wenn es nicht das Subjekt 
wäre, so müßte man in ihm das Subjekt und seine Attribute unter¬ 
scheiden können: eine Unterscheidung, die offensichtlich unmöglich 
ist ohne Gedanken, ohne dessen Werden, der in die abstrakte 
Identität des Subjekts die Verneinung und daher den Unterschied 
und daher wiederum die Unterscheidung bringt. Um zu einer 
Unterscheidung zu gelangen, muß man das Moment der Sub¬ 
jektivität überwinden. Unterscheiden ist schon denken. Vor dem 
Denken kann es in dem Subjekt, das Bedingung oder Grund¬ 
lage des Denkens ist, keine Spur von Unterscheidung geben. Wenn 
man sagt: „Ich habe ein Gefühl und muß es bewahren oder mich 
davon befreien, weil es Freude oder Schmerz ist“, so ist eine 
Aktivität hinzugekommen, durch die das Subjekt sich vor sich selbst 
stellen und sich gegenüber von sich selbst gleichsam in einem 
Spiegel sehen kann, wo unser Gesicht uns gefallen mag oder nicht, 
und vor dem der Wunsch nach ehrenwerten Retuschen, nach mehr 
10
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.