Full text: Hans Driesch

und Wirkung. Und so können wir schlechthin in jedem Leib-Seele- 
Zusammenhang durchwegs je den physischen oder psychischen Pri¬ 
mat, die entscheidende Ursächlichkeit feststellen. Freilich nicht eine 
diskontinuierliche, bei der streckenweise das eine Reich unbeteiligt 
bliebe; sondern die Wirkungen im einen Reich wirken auf das an¬ 
dere zurück, so daß jeder leibseelische Vorgang eine physische und 
psychische Teilursache und Doppelwirkung hat. Das eben meint die 
verfeinerte Wechselwirkungslehre, wie sie von Stumpf, Becher und 
dem-Verfasser vertreten wird. Diese behandelt also Leib und Seele 
nicht, als ob sie im Leben getrennt wären, aber sie gibt den Primat 
nicht auf, der ganz evident ist; jede Theorie aber, die ignoriert, 
daß eben für Zahnschmerz und Hungergefühl wie auch sinnliche 
Wahrnehmungen der Primat, die entscheidende Ursache im Physi¬ 
schen liegt, daß hier leibliche Beeinflussung die Ursache seelischer 
sind, wie umgekehrt daß für die Niederschrift eines Gedankens, für 
die Gefühle der Trauer, Reue und Scham, für das Streben nach 
Macht und Besitz, für Wertungen und Wertkonflikte seelisch-geistige 
Ursachen das Primäre sind, jede solche Theorie, die das ignoriert, 
ist graue Theorie. 
Also Parallelismus ist nicht das Primäre, sondern Wechselwirkung 
bewirkt Entsprechung, ständige „Parallelschaltung“. 
Der grundsätjlichste, weil erlebteste Widerspruch aber gegen den 
Parallelismus ergibt sich, wenn wir an die Willenshandlung denken; 
und für sich allein bereits entscheidend wird der Widerspruch, wenn 
wir uns zur Willensfreiheit bekennen. Die sogenannte Wahlfreiheit 
aber ist ein durch nichts widerlegbares Erlebnis, eine Urgegebenheit, 
die auch durch die Hypothese des Unbewußten nicht widerlegt wer¬ 
den kann. Wir müßten aus nichts als Komplexen bestehen, wenn alle 
unsere bis zu völliger Bewußtheit zu bringenden Wahlentscheidun¬ 
gen Täuschungen wären. Ich habe das an mehr als einer Stelle ander¬ 
wärts auseinandergesetzt und will es hier nicht wiederholen12. Die 
Preisgabe aber der sittlichen Freiheit läßt das Bewußtsein der Ver¬ 
antwortung und die Gefühle der Reue und Scham völlig sinnlos er¬ 
scheinen. Gibt es aber menschliche Freiheit, wie sehr sie auch durch 
Bindungen aller Art beschränkt gedacht werden möge, durch Ein¬ 
flüsse physischer und sozialer Art, gibt es sie grundsätzlich — und 
ihre grundsätzliche Leugnung würde mehr unlösbare Probleme auf¬ 
werfen, als sie Fragen lösen könnte —, dann gibt es eben die see¬ 
lische Beeinflussung leiblichen Geschehens. 
Nun, wenn wir aber ein Wechselwirkungsverhältnis annehmen, 
so heißt das, daß die nervösen Vorgänge im Gehirn unter dem Ein¬ 
12 Wissenschaft und Weltanschauung, 2. Aufl. 1949, S. 265 ff., Philosophie als 
Weg, 1939 S. 71 ff.; Philosophie der Freiheit, 1947 S. 3 ff. 
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