Full text: Hans Driesch

aus der Anordnung der materiellen Teile des Organismus und den 
physiko-chemischen Beziehungen zwischen ihnen grundsätzlich be¬ 
streitet. } ^ :•$ 
Der klassische Mechanismus behauptet also: gleiche Substanz, 
gleiche Gesetze, Besonderheit der Anordnung. Der Vitalismus (oder 
um jede terminologische Erörterung zunächst auszuschalten, der 
Antimechanismus) behauptet, daß das Lebensgeschehen sich anders 
vollzieht, als es sich vollziehen würde, wenn die Bestandteile der 
leiblichen Substanz sich selbst und ihrer Eigengesetjlichkeit über¬ 
lassen wären. Und er bestreitet, daß es Ansichtssache sei, sich für 
oder gegen den Mechanismus zu entscheiden. Vielmehr sei eine 
„Maschine1 **4, welcher Art immer (also ein physiko-chemischesSystem), 
nicht denkbar, die sich teilen lasse und deren Teile neue ganze 
Maschinen werden, — die bei ständiger Substanzerneuerung sich 
in Form erhält und in Gang hält, Energie verschafft, steuert und 
nach Bedarf reguliert, ja im Falle von Defekten wiederherstellt, — 
die neue Maschinen aus sich entstehen läßt, die ihr gleichen und sich 
entwickeln, — die endlich ihre Aktionen nach ihren Bedürfnissen 
einstellt und gegen unvorhergesehene Störungen nach Bedarf sich 
umstellt. Eine „Maschinentheorie des Lebens“ also, wenn man dar¬ 
unter einen Automatismus im physikochemischen Sinn versteht3, 
lehnt Driesch aus den an anderer Stelle schon dargelegten Gründen 
ab: 1. Entwicklung zu einem ganzheitlichen Organismus auch bei 
Teilung des Keims in einem frühen Entwicklungsstadium oder bei 
Vereinigung mehrerer Keime oder bei erzwungener Umlagerung 
der Furchungszellen; 2. Fortpflanzung und Vererbung, Regulation 
und Restitution; 3. zweckmäßiges Verhalten auf Grund der Bedeu¬ 
tung und Lebensbedeutung einer Situation4. Begrifflich gesprochen 
heißt das: was den Mechanismus ausschließt, ist 1. die Mehrdeutig¬ 
keit und Mehrmöglichkeit des biologischen Geschehens sowohl in 
der Entwicklung wie im Verhalten des erwachsenen Organismus 
gegenüber den Situationen, in die er gestellt ist, die Äquipotentiali- 
tät also in der Entwicklung und die nichteindeutige Zuordnung von 
Reiz und Reaktion in der Handlung (verschiedene Reize können 
bei gleicher „Bedeutung“ zu demselben Effekt, ein Reiz zu verschie¬ 
denen Effekten von gleicher Bedeutung führen). Mit dieser Mehr¬ 
Wenn Driesch („Das Lebensproblem im Lichte der modernen Forschung“, 
1930, S. 420) gerade umgekehrt den Ausdruck Maschinentheorie relativ passend 
für den Vitalismus findet, dann darum, weil er hier betonen will, daß bei aller 
Verschiedenheit von Maschine und Organismus, die er auch hier nicht verkannt 
wissen will, beiden gemeinsam sei, daß sie einen „Maschinentreiber“, einen 
lenkenden, reparierenden und konstruierenden Ingenieur brauchten, und weil 
der Organismus sich in der Tat technischer Möglichkeiten bedient. 
* Seitdem hat die experimentelle Biologie der Entwicklung ein gewaltiges 
weiteres Material angehäuft. 
74
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.