Full text: Hans Driesch

durch die Anordnung der Teile des Organismus und jene Gesetz 
mäßigkeiten, die bei solcher Anordnung auch für die anorganische 
Substanz gelten. Ist diese Anordnung, die nach der Lehre des Me¬ 
chanismus auch das Lehensgeschehen verbürgt, durch Zufall ent¬ 
standen, so mündet, wie schon gesagt, der Mechanismus in den 
Materialismus; zielen Uranordnung und Gesetze auf die Lebens¬ 
bildung hin, so daß diese deren notwendige Folge ist, so liegt der 
Welt eine einmalige Finalität zugrunde, es liegt eine Universal¬ 
maschine vor, wie sie J. Schult} vertreten hat, jene Form also des 
Mechanismus, die Driesch schließlich als die einzig ernst zu nehmende 
Gegenthese gegen den Vitalismus betrachtete; religiös gesprochen, 
es liegt die Weltanschauung des Deismus vor. Der Mechanismus ist 
natürlich nicht bewiesen und es ist auch nicht zu erwarten, daß er 
bewiesen werde, beides behauptet kein Mensch, auch die besonne¬ 
nen Anhänger nicht; es ist eine Hypothese auf Grund der Erfahrung, 
daß auch der Organismus physiko-chemischen Gesetjen untersteht, — 
was wiederum kein Vitalist bestreitet, es fragt sich nur, ob er nur 
ihnen und gerade im entscheidend Lebendigen ihnen untersteht —, 
und auf Grund von Experimenten an Präparaten. Dem unmittel¬ 
baren Eindruck einer auf das Lebensganze gerichteten Besinnung 
widerspricht der Mechanismus so sehr, daß auch der bestorientierte 
Betrachter wohl sich zwingen muß. den lebenden Organismus als 
wesensgleich mit anorganischen Systemen und die Leiche nur als 
defekt gewordene Maschine zu betrachten. Man darf ruhig aus¬ 
sprechen: daß der unmittelbare Eindruck bei höher entwickelten 
Lebewesen so augenfällig gegen den Medianismus spricht, ist natür¬ 
lich ein bewußtes oder unbewußtes Motiv dafür, daß der Mechanis¬ 
mus gerade an jene untere Grenze des Lebens zu gehen pflegt, wo 
dieser Eindruck verschwindet und nicht mehr „stört“; das ist gewiß 
berechtigt; aber nicht berechtigt ist es, nur im Bereich der scheinbar 
einfadisten Entscheidbarkeit, in Wirklichkeit schwersten Unter¬ 
scheidbarkeit zu verweilen. Aber vielleicht konnte man sich über¬ 
haupt dahin einigen, daß der Mechanismus ja nur eine Arbeitshypo¬ 
these sein soll für die Physiologen und daß, wie es in einem jüngst 
erschienenen Buch von Nardi hieß, es Ansichtssache sein soll, ob 
man sich im Sinne einer Hypothese mit Wahrscheinlichkeitswert und 
schließlich einer metaphysischen Hypothese aus monistischen Mo¬ 
tiven für ihn entscheiden will. 
Eben dem Ausschluß dieser Entscheidungsmöglidikeit galt 
Drieschs Lebensarbeit. Vitalismus bedeutet ihm nicht eine gefühls¬ 
mäßige weltanschauliche Entscheidung für die Eigengesetjlichkeit 
des Lebens, sondern Vitalismus im wissenschaftlichen Sinn liegt vor, 
wenn man die Möglichkeit einer Erklärung des Lebensgeschehens 
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