Full text: Hans Driesch

stellen, die solche Umorganisationen und damit das Entstehen neuer 
organischer Typen verständlich machen soll. Es darf aber wohl als 
gewiß bezeichnet werden, daß richtungslose, zufallsbedingte Muta¬ 
tionen hierfür niemals ausreichen. 
Diese Überzeugung, die vielen einsichtigen und klarblickenden For¬ 
schern lange schon gemeinsam war, hat durch manche neuen Einblicke 
in das Geschehen im Organismus weitere Stütjen gefunden. Sie spre¬ 
chen immer deutlicher dafür, daß entelechiale Mächte sich auch in der 
Stammesgeschichte verwirklichen, die damit, wie Driesch vermutet 
hat, als ein zielgerichteter Entfaltungsvorgang verstanden werden 
müßte. 
Zusammenfassend ist zu sagen, daß Erkenntnisse der Embryologie 
und der Physiologie, der Symbioseforschung und der Genetik sowie 
endlich deszendenztheoretische Erwägungen die durch Hans Driesch 
formulierte Theorie und Philosophie des Organischen weitgehend be¬ 
stätigt haben. 
III. 
Wir sprachen davon, daß die Frage nach Driesch’s Bedeutung als 
Biologe nicht zu trennen ist von der Frage nach seiner Bedeutung als 
Naturphilosoph. Das Problem, um das es ihm vor allem zu tun war, 
läßt sich dahin fassen, was im organischen Werden eigentlich geschieht 
und wie es kommt, daß ausUngestaltetem gestaltete organische Ganz¬ 
heit hervorgeht. Aus dem anorganischen Geschehen ist organische 
Ganzheit ohne weiteres nicht ableitbar. So gelangte Driesch zur An¬ 
nahme eines immateriellen, unräumlichen Naturfaktors, der Ente¬ 
lechie, als einer ordnungstiftenden Macht, die in allem lebendigen 
Werden am Werk ist. 
Damit verstand Driesch die Entelechie als individualisierendes 
Prinzip, durch das qualitative Sonderart gesetjt ist. Hier ergibt sich 
das Problem des Zusammenbestehens von individueller Einzigkeit der 
Gestaltungen und überindividueller Einheit, die jene Vielheit in sich 
faßt. Auf der Ebene biologischen Daseins stellen sich in diesem Zu¬ 
sammenhang Fragen wie die, was die Existenz des Einzelwesens inner¬ 
halb der Gattung und wiederum diese innerhalb der Gesamtheit des 
irdischen Lebens bedeutet. Genauer gesagt: was heißt überhaupt bio¬ 
logische Individualität? Ein „Individuum“ kann oftmals in eine große 
Anzahl einzelner Fragmente zerteilt werden, die aus sich entspre¬ 
chend viele harmonisch gestaltete Individuen regenerieren. Anderer¬ 
seits gelingt es auch, zwei Einzelwesen derart zu verschmelzen, daß 
sie ein neues Individuum bilden. So wird immer wieder aus Einheit 
Vielheit und aus Vielheit Einheit. 
Hier handelt es sich, wie Driesch sagte, um „biologische Probleme 
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