Full text: Hans Driesch

Tatsachen der Keimesentwieklung schienen anfänglich eine solche 
Annahme nahezulegen. Es würde sich dann in den nach der Befruch¬ 
tung des Eies einsetjenden Zellteilungen eine in ihm bereits vorhan¬ 
dene Struktur gleichsam auseinanderlegen, so daß jede Zelle nur einen 
genau begrenzten Anlagenkomplex mitbekommt. Die aus der ersten 
Teilung entstehenden zwei Zellen könnten daher, falls diese Auffas¬ 
sung recht hat, jeweils nur die Anlage für eine Körperhälfte enthal¬ 
ten, so daß aus jeder von ihnen immer nur ein halber Embryo her¬ 
vorgeht. Mit den folgenden Zellteilungen würde die Gesamtheit der 
Anlagen auf immer mehr Zellen verteilt werden, so daß sich der je¬ 
der neuen Zelle mitgegebene Anlagenkomplex immer weiter einengt. 
Rein theoretische Erwägungen hatten etwa zu gleicher Zeit den 
Zoologen August Weismann zu sehr ähnlichen Vorstellungen geführt. 
Als überzeugter Mechanist war auch er sich darüber klar, daß ein 
mechanistisches Verständnis der Entwicklungsvorgänge nur dann 
möglich wird, wenn man vorausse^t, daß die Vielzahl der Organe 
bereits im äußerlich undifferenzierten Keim in einer zwar noch nicht 
unmittelbar wahrnehmbaren Weise präformiert ist. Im Verlauf der 
Ontogenese würde sich'dieses Grundschema dann in sichtbare Gestal¬ 
tungen umsetjen. Jede andere Theorie der organischen Entwicklung 
gründet sich auf die Annahme, daß dem werdenden Organismus die 
Fähigkeit der Selbstgestaltung zukommt. Sie legt daher eine vitali¬ 
stische Auffassung nahe und wäre mit mechanistischen Vorstellungen 
unvereinbar. Dogmatische Vorurteile haben nun bei der sogenannten 
Keimplasmatheorie Weismanns Pate gestanden. Diese Theorie, die 
sich, wie schon gesagt, auf abstrakt-logische Deduktionen gründet, 
behauptet, daß bei der Entwicklung des befruchteten Eies eine „erb¬ 
ungleiche Teilung“ stattfindet. Einzig die Geschlechtszellen enthalten 
dann alle Anlagen für den ganzen Organismus, während die Gesamt¬ 
heit dieser Anlagen im Ablauf der Embryonalentwicklung in den 
Körperzellen immer weiter aufgespalten wird, so daß zuletzt jede 
Zellart des fertigen Organismus nur noch jene Anlagen in sich birgt, 
die sie auch verkörpert. Diese Anlagen sollen nach Weismann ihre 
Repräsentanten in von ihm sogenannten Determinanten haben: klein¬ 
sten materiellen Gebilden, deren im Keimplasma gegenwärtige Ge¬ 
samtheit den ganzen Organismus gleichsam im Abriß abbildet. In der 
embryonalen Entwicklung würde nichts anderes vor sich gehen, als 
daß eine bereits gegebene Struktur aus dem submikroskopischen 
Bereich in den Bereich des Sichtbaren überführt wird. Um die Er¬ 
scheinungen der Selbstregulation und Regeneration mit dieser Theo¬ 
rie in Einklang zu bringen, sah sich Weismann zu weiteren künstlichen 
Gedankenkonstruktionen gezwungen. Weismann ebenso wie Roux 
betrachteten also das Werden des Organismus als einen mechanistisch 
25
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.