Full text: Hans Driesch

zulänglich, rla sie darauf verzichtet, die tatsächlich wirksamen Fak¬ 
toren in ihrer Vielfalt und in ihrem Zusammenspiel zu erforschen. 
Aus dieser Einsicht hatte sich Wilhelm Roux das Ziel gesetzt, das 
Zusammenwirken der die ontogenetische Entwicklung bestimmenden 
Faktoren zu analysieren. Dies sollte die Aufgabe eines von ihm ins 
Leben gerufenen experimentellen Forschungszweiges, der sogenann¬ 
ten Entwicklungsmechanik, sein. Mit der Formulierung dieser Auf¬ 
gabe durch Roux war allerdings die Behauptung vorweggenommen, 
daß die Lebenserscheinungen grundsätzlich auf chemisch-physikalische 
Gesetzmäßigkeiten zurückführbar seien. Die Frage, welche Faktoren 
den Ablauf der ontogenetischen Entwicklung regeln, die bisher kaum 
gestellt worden war, da sie unter der bis dahin vorherrschenden Ein¬ 
stellung unwesentlich schien, wurde nun auch für Driesch bei seinen 
entwicklungsgeschichtlichen Untersuchungen leitend. Dies führte zum 
Bruch mit Haeckel, dessen orthodoxe Haltung ein Abweichen von 
der eigenen Linie nicht einmal in Methode und Fragestellung zuließ. 
Auch Driesch übernahm damals im wesentlichen die Kategorien der 
zu jener Zeit in der Physiologie fast unangefochtenen mechanistischen 
Denkweise. Seine Frage nach den Ursachen der organischen Form- 
bildung zielte vorerst auf nichts anderes als eine möglichst lückenlose 
Kausalanalyse, wie sie durch Roux dem neuen Forschungszweig als 
Programm gestellt worden war. 
Heute sind sich die meisten Forscher, welcher theoretischen Deu¬ 
tung sie auch zuneigen mögen, der Unzulänglichkeit der damit aus¬ 
gesprochenen These bewußt. Ein Ausdruck hierfür ist die Tatsache, 
daß das Wort „Entwicklungsmechanik“ allmählich durch die neutra¬ 
lere Bezeichnung „Entwicklungsphysiologie“ ersetzt worden ist, die 
den gleichen Aufgabenkreis bezeichnet, ohne eine bestimmte Behaup¬ 
tung hinsichtlich des Wesens der zu erforschenden Erscheinungen in 
sich zu schließen. Jede Zerlegung komplexer Systeme in ihre Elemente 
birgt stets die Gefahr in sich, den Blick für das Ganze zu verlieren, 
da sie leicht zu dem Glauben verführt, jene Elemente seien das Be¬ 
stimmende und wahrhaft Wesentliche. Dieser Gefahr ist auch die 
Entwicklungsphysiologie nicht entgangen — eine Feststellung, die 
keinen Einwand gegen eine derartige Untersuchungsmethodik in sich 
schließt. Wenn jener Zweig der experimentellen Biologie ihr in seinen 
größten Vertretern nicht erlegen ist, so ist dies vor allem Driesch zu 
danken. Bereits seine frühesten Arbeiten ließen ihn erkennen, daß 
eine restlose Auflösung der Lebensphänomene in elementare Vor¬ 
gänge nicht möglich ist. 
Wilhelm Roux war noch von der Annahme ausgegangen, daß orga¬ 
nische Werdeprozesse lebten Endes mechanistisch erklärbar seien, 
das heißt aber, daß sie im Keim strukturell vorgebildet sind. Gewisse 
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