Volltext: Hans Driesch

damentalprobleme der gesamten Biologie erkannte, von denen aus 
er schrittweise weiter zu den großen Fragen der Naturdeutung ge¬ 
langte. Dieser Vorgang ist beispielhaft dafür, wie Probleme einer 
Einzelwissenschaft mit innerer Logik von sich aus Lösungen fordern, 
die den mit ihr anfänglich gesetzten Rahmen sprengen. Im Einklang 
hiermit wurde der Biologe Driesch zum Philosophen. 
Es ist Ausdruck einer äußerst einseitigen Betraehtungsweise, wenn 
manche Kritiker mit Bedauern vermerken, daß Driesch damit den 
Weg der empirischen Forschung verlassen habe, um sich in unfrucht¬ 
baren und voreiligen Verallgemeinerungen zu verlieren. Der Weg, 
den Driesch gewählt hat, war gewiß nicht der von seinen Voraus- 
se^ungen aus allein mögliche und sinnvolle. Einen anderen Weg hatte 
etwa der Zoologe Hans Spemann eingeschlagen, der die experimen¬ 
tellen Forschungen von Driesch in bestimmter Richtung weiterführte, 
so daß die durch Driesch aufgeworfenen Fragen in mancher Beziehung 
deutlicher umrissen werden konnten. Auch Spemann war von ent- 
wicklungsgeschiehtlichen Untersuchungen ausgegangen. Diese Unter¬ 
suchungen, von denen noch gesprochen werden soll, haben ihn durch 
vierzig Jahre fast ausschließlich beschäftigt. Während Driesch häufig 
vorgeworfen wurde, daß er der Spezialforschung nicht treu geblieben 
sei, mußte es Spemann zuweilen spüren, daß ihm das Verhaftetsein 
an ein Forschungsobjekt, die Entwicklungsgeschichte von Amphibien¬ 
keimen, mancherseits als mangelnde geistige Weite ausgelegt wurde. 
Dennoch war auch Spemann kein enger Spezialist gewesen. Auch ihn 
haben stets allgemeine Gesichtspunkte geleitet. Weil dem so war, 
konnten sich seine Untersuchungen weit über alles anfängliche Er¬ 
warten als bedeutsam erweisen, obwohl sie nur ein äußerst begrenz¬ 
tes Gebiet der Lebenserscheinungen zum Gegenstand gehabt hatten. 
In einem anderen Sinne blieb eben auch Driesch im Banne jener Pro¬ 
bleme der organischen Formbildung, von denen er zu Beginn seiner 
Forscherlaufbahn ausgegangen war. Immer wieder nahm er später 
auf sie Bezug. Sie führten ihn weiter zu Überlegungen, die über das, 
was jene Probleme unmittelbar besagen, hinausweisen. So hat er den 
Kontakt mit der empirischen Forschung allezeit gewahrt und war 
bemüht, ihre Ergebnisse unter grundsätjlichen Gesichtspunkten aus¬ 
zuwerten. In diesem Bemühen hat Driesch bereits zu allen heute von 
der Biologie erörterten Fragen Stellung genommen. Manches, was 
sich damals erst in Umrissen abzeichnete, ist heute «iner theoretischen 
Auswertung zugänglicher geworden. Dabei wird es notwendig sein, 
auch Erkenntnisse aus anderen Bereichen der Naturforschung in eine 
solche Auswertung einzubeziehen. Diese sachliche Notwendigkeit ent¬ 
spricht Drieschs eigenen Intentionen: war sein letztes Ziel doch eine 
umfassende Philosophie der Natur gewesen. 
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