Full text: Hans Driesch

An der Neapler Forschungsstation hatte Hans Driesch stets den 
„Hamburgischen Tisch“, d. h. seine Vaterstadt zahlte für ihn ent¬ 
sprechend den Vorschriften am Aquario für seine Forschungsstelle. 
Preußen hatte z. B. 4 „Tische“, für 4 seiner Gelehrten, und so jeder 
Staat einen oder mehrere Tische; ebenso die meisten der nicht- 
deutschen Länder. Diese wissenschaftliche Stätte war damals einzig 
in ihrer Art, die Hochburg der Biologie überhaupt. Zoologen, Ana¬ 
tomen, Physiologen aus allen Kulturländern trafen dort zusammen. 
Man darf in Bezug auf die experimentelle Biologie sagen, daß damals 
ih re klassische Periode war. Die Experimente meines Mannes an den 
Seeigeleiern sowie an der Tubularia und Clavellina wirkten vor allem 
richtunggebend auf die namhaftesten amerikanischen Biologen. Ich 
nenne von ihnen nur den Nobelpreisträger Thomas Hunt Morgan und 
die Professoren Wilson (Columbia University) und Harrison (Yale 
University). 
1900 richteten wir uns in Heidelberg ein. Mein Vater kam deswegen 
aus Meran und besorgte mir eine schöne Aussteuer dazu. In Heidel¬ 
berg wurden auch unsere zwei Kinder geboren, Kurt und Ingeborg. 
Auch wir haben etwas warten müssen, aber bis zu Kurts Geburt nur 
fünf Jahre, nicht vierzehn, wie einst meine Schwiegereltern. Im 
August 1901 besuchten wir den Internationalen Zoologenkongreß in 
Berlin, auf dem mein Mann erstmalig vor einem großen Forum seine 
Experimente und seine Gesichtspunkte bekannt gab. Nach diesem 
Kongreß machten wir eine zweimonatige Reise durch das zaristische 
Rußland, von Petersburg über Moskau, Kiew nach der Krim, weiter 
über den Kaukasus nach Tiflis, um dann von Baku aus das Kaspische 
Meer zu kreuzen und mit einem Militärzug das asiatische Turkestan, 
das Land der schönsten mohammedanischen Bauwerke mit den 
türkisblauen Fayencekuppeln, zu besuchen. Dieselbe Strecke ging 
es dann zurück und von Batum über das Schwarze Meer, mit einem 
zweiwöchigen Quarantäne-Aufenthalt in Sinope an der klein-asiati¬ 
schen Küste, nach Konstantinopel, durch das ägäische und adriatische 
Meer endlich nach Bari. Unser Ziel war Neapel. Es folgte dort am 
„Aquario“ nochmals ein arbeitsreicher Winter für meinen Mann und 
seinen Freund Herbst. Einer der Kollegen am Aquario war in diesen 
Monaten der Würzburger Zoologieprofessor Boveri. Er wohnte mit 
seiner Frau und der kleinen Tochter Margaret auch in der Pensione 
Poli. Trotj gegenseitiger Wertschätzung hatten mein Mann und Boveri 
oft heftige wissenschaftliche Debatten, die die sanfte Frau Boveri, 
selbst Zoologin, zu mildern suchte; denn Boveri war herzleidend und 
sollte sich nicht aufregen. Nach der Geburt unserer Kinder, einige 
Jahre nach der russischen Reise, wurden wir seßhafter: bis 1919 blieb 
Heidelberg unser Wohnsitj, unterbrochen von Sommerfrischereisen 
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