Full text: Hans Driesch

stehen. Der einfachste Fall ist die Beziehung der Ähnlichkeit von 
Figuren; 3. die bekannte metrische Geometrie, die Maßgeometrie, 
in der es nicht nur auf die Gestalt, sondern auch auf die Größe an¬ 
kommt; die Kongruenz ist die bekannteste Beziehung dieser Art. 
Die drei Betrachtungsweisen stellen eine Folge zunehmender Deter- 
ininierung dar. Wir können nun sagen: die Morphogenese erfolgt 
zunächst im Sinne einer Schaffung topologischer Platjanweisung und 
schreitet fort zu deren Ausgestaltung einerseits in Richtung zu¬ 
nehmender Differenzierung, anderseits zunehmender Annäherung 
der Formen an die des fertigen Organismus und schließlich in ge¬ 
wissen Grenzen bis zu spezifischen Maßverhältnissen. Erfolgt ein 
Eingriff vor der entscheidenden Platjanweisung und dem Einsatz 
entsprechender Gestaltung, so erweist sich die Substanz noch völlig 
bildsam, „totipotent“. Ist die topologische Anweisung schon bis zu 
einem gewissen Grade der Bereicherung fortgeschritten, so erscheint 
nur noch innerhalb der noch vorhandenen Unbestimmtheit eine 
Multipotenz gegeben. Ist es bereits zu einer Bestimmung der Potenz 
gekommen, so ist das Material nur mehr für diese brauchbar. Die 
Entwicklung vollzieht sich also wie alles psychische und insbeson¬ 
dere alles künstlerische Schaffen vom Allgemeineren zum Bestimm¬ 
teren bei gleichzeitiger Bereicherung — gerade so wie das mensch¬ 
liche Denken, das Erinnern und das Werden künstlerischer Gebilde 
auch. Dies ist die Analogie zum Psychischen hin. Es gibt aber auch 
eine Analogie zum Physikalischen hin: Die Physik spricht von, wir 
könnten sagen, platjanweisenden Wahrscheinlichkeitswellen, Ma¬ 
teriewellen, die sich mit Überlichtgeschwindigkeit, also immateriell 
ausbreiten und die dadurch das künftige Schicksal des Auftretens 
der Materie in großen Zügen zunächst vorwegnehmen. Anderseits 
erinnert die Entwicklung an eine zunehmende Organisation mit 
Arbeitsteilung. Das ist ja der Leitgedanke, der vielfach zu der Hy¬ 
pothese führte, daß der vielzellige Organismus sich wie ein Zellstaat 
gebildet habe. Allein dieser Vergleich ist doch recht fragwürdig. 
Nicht nur, daß die eigentlichen Organismen, die Vollgestalten doch 
auch hier die Individuen sind: für den Staat fehlt die eigentliche 
Gestalt, der Bienenstaat z. B., der Ameisenstaat usw. erscheint eher 
wie eine Organisation durch Rückbildung der Individuen und mehr 
wie ein Spätprodukt denn als ein Frühprodukt der Entwicklung, 
eher wie die — in Oswald Spenglers geschichtsphilosophischer 
Sprache ausgedrückt — zivilisatorisch-cäsaristische Spätphase, denn 
als die der Bildung lebendigen „Kultur“ vorausgehende. 
Jedenfalls, die Epigenese vollzieht sich also im Sinne fortschrei¬ 
tender Beauftragung, sie schreitet „organologisch“ fort. Damit grei¬ 
fen wir die originelle „Organologie“ auf, die 0. Feyerabend in 
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