Full text: Hans Driesch

Bei Störungen aber findet eine Umordnung statt; die für die Auf¬ 
gabe A in Aussicht genommenen Teile, haben eine andere Aufgabe 
B zu übernehmen, deren sie ja auch noch fähig sind. Wird die eine 
Hälfte des „Materials“ abgetrennt, so erfolgt die Umbildung je zu 
einem Ganzen aus jedem Teil; ist aber die „Auftragserteilung“ schon 
endgültig und die „Ausbildung“ zu weit vorgeschritten, haben die 
Gruppen sich schon verselbständigt und auf ihre Aufgabe eingestellt, 
dann arbeiten sie an dieser weiter. Wird also insbesondere eine 
Gruppe zu spät verseht, in einen anderen Bereich einer auch im 
Aufbau befindlichen Organisation, so fährt sie sinnwidriger Weise 
mit ihrer Arbeit fort, das „Trägheitsgesetz“, das ja nicht nur in der 
Physik, sondern auch in der Psychologie und sinngemäß offenbar 
auch in der Biologie gilt, wirkt sich aus; vor der Beauftragung, Ver¬ 
selbständigung und Spezialisierung indes paßt sich die verseóte 
Gruppe ein, freilich, wenn sie ein der fremden Organisation gegen¬ 
über „ungeeignetes Material“ darstellt, tritt dabei ihr Sondercharak- 
ter zutage. 
Dreierlei Anregungen jedenfalls gibt der Vergleich: 1. Geome¬ 
trisch erfolgt die Morphogenese zunächst topologisch. 2. Das Ver¬ 
halten hängt von der bereits erfolgten „Einstellung“ ab, von dem 
Grad der „Verselbständigung“. 3. Das „Material“ muß zugleich 
aktiv und passiv sein. 4. Ein Organisator muß auftreten und sich 
durchsetzen, der mit einer überindividuellen Idee ausgestattet ist. 
von ihr besessen ist, über das nötige Maß von „Intelligenz“ und 
Können verfügt; die sich unterordnenden Glieder müssen aber auf 
diesen Willen hingerichtet sein, müssen auf ihn ansprechen. 
Versuchen wir die Analogie noch in weniger anthropomorph 
klingende Sprache zu kleiden: Zunächst greifen wir den schon zwei¬ 
mal gefallenen Begriff der Topologie heraus. Die Geometrie kennt 
bekanntlich drei grundsätzlich verschiedene Betrachtungsweisen: 1. 
die „Topologie“ (früher auch Analysis situs genannt), in der nur 
Lagebeziehungen eine Rolle spielen, dagegen nicht Form- noch Ma߬ 
verhältnisse: Alle geschlossenen, sich nicht überschreitenden Kurven 
oder Flächen z. B. sind einander äquivalent; bei der Beziehung 
eines Punktes zu einer geschlossenen Linie kommt es nur darauf 
an, ob er innerhalb oder außerhalb liegt; ein Trainbahnfahrschein 
z. B., auf dem das Straßenbahnnetz einer Stadt dargestellt ist, oder 
ein Eisenbahnfahrplan, wie er in Kursbüchern steht, sind topolo¬ 
gische Darstellungen. Das Problem der Knoten und der Überschnei¬ 
dungen spielt in dieser noch jungen Wissenschaft eine große Rolle. 
2. Die projektive Geometrie, in der es auf Verhältnisse von Maßen 
ankommt; projektiv aufeinander beziehbar sind z. B. solche ebene 
Figuren, die durch Zentralprojektion von einem Punkt aus ent¬ 
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