Full text: Hans Driesch

Potenz. Aus einem totipotenten Komplex27 wird immer mehr eine 
unipotente aus Teilganzheiten sich aufbauende Gestalt. Im Falle von 
Störungen natürlicher oder künstlicher Art kann es zu einem Wider¬ 
streit der Totalganzheit und der Teilganzheiten kommen. 
Können wir ein Bild ausfindig machen, an dem wir uns über die 
Verhältnisse durch Analogie orientieren, an dem wir die Mannig¬ 
faltigkeit überblicken und das wir einer ontologischen Formulierung 
zugrunde legen können? Wenn wir uns diese Frage stellen, so er¬ 
weist sich das Bild einer Maschine auch ohne weitere subtile Analyse 
als unbrauchbar und fernliegend; eine Maschine entwickelt sich ja 
nicht und besteht nicht selbst aus belebten Teilen. Eher könnte man 
schon an einen Großbetrieb, eine Anlage mit einer großen Zahl 
zueinandergehöriger Maschinen denken; aber auch dieses, prinzi¬ 
piell ja gefährliche, Bild weist uns nur hinüber auf ein besseres, das 
einer menschlichen Organisation (der Leser habe keine Sorge, wir 
werden natürlich die Stellen, wo der Vergleich hinkt, schon auf¬ 
weisen): Zunächst handelt es sich darum, daß überhaupt einiger¬ 
maßen geeignetes „Menschenmaterial“ für die Organisation zur Ver¬ 
fügung steht. Es muß in unserer Zivilisation gewonnen werden durch 
Werbung und innere Anziehungskraft. Hier hinkt also der Ver¬ 
gleich bereits. Gestehen wir aber eine natürliche Entwicklung zu, 
dann können wir das Bild weiterführen. Jedes Individuum der ur¬ 
sprünglich noch kleinen Sippe hat für das künftige Großgebilde 
noch alle Möglichkeiten, jedes trägt noch „den Marschallstab im 
Tornister“. Die Individuen werden im großen Ganzen in räumliche 
Ordnung gebracht, in eine im mathematischen Sinn topologische 
Ordnung. Durch wen, drängt sich schon die Frage auf? Lassen wir 
hier noch offen, ob durch einen ihnen selbst innewohnenden Ord¬ 
nungssinn oder durch die akzeptierte Führung eines sich zum Orga¬ 
nisator aufwerfenden Gliedes oder eines über ihnen stehenden 
Prinzips. Lange jedenfalls kann die „Selbstordnung“ nicht dauern. 
Denn bald entsteht, bei fortschreitender Vergrößerung auch der 
Zahl, eine des Regisseurs, Dirigenten oder Organisators nicht ent¬ 
behrenkönnende zunehmende Gliederung, in der die einzelnen 
Gruppen für Sonderaufgaben in Aussicht genommen werden. Bei 
ungestörter Entwicklung geht mit der differenzierteren räumlichen 
Anordnung die Spezialisierung für die besonderen Aufgaben Hand 
in Hand. In dieser Entwicklung erhalten dann die einzelnen Grup¬ 
pen, denen Sonderaufgaben zufallen, eine gewisse Selbstverwaltung. 
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27 Der Unterschied „Komplex“ gegenüber „Gestalt“ soll eine Analogie-'andeu¬ 
ten zu dem Unterschied zwischen psychischen Inhalten mit „Komplexqualitäten“ 
(F. Krüger) und „Gestalten“ mit „Gestaltsqualitäten“, im „Komgleji“ sind di^ 
Komponenten verschmolzen, in der „Gestalt“ unterscheidbar. 
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